
Wer, wie meine Wenigkeit, im Jahr 1945 das Licht der Welt erblickte, hat etliche Zivilisationsphasen der Menschheit durchlebt, bzw. übersprungen: Ochsenkarren und Pferdepflüge wurden von tuckernden grünen Traktoren abgelöst. Wenige Autos kurvten einsam auf unbefestigten Straßen, am Telefon erreichte man per Kurbel das stöpselnde Fräulein vom Amt. Der Radioapparat krachte und rauschte, und in der ersten Klasse der Notschule (die alte war den Bomben in den letzten Kriegstagen zum Opfer gefallen) war der knarrende Holzfußboden schwarz geteert.
Alles ging immer schneller
Dann nahm die Zahl der Autos zu, am Himmel erschienen die ersten Kondensstreifen. Das Wunder des Kofferradios erfreute das Herz des Teenagers, die Russen sandten Sputnik und den Hund Laika in den Weltraum, und Radio Luxemburg brachte hinterrücks amerikanische Schlager nach Niederösterreich: Im österreichischen Rundfunk herrschte noch volkstümliche, sogenannte „Zucht und Ordnung….“ Man holte sich in Bibione den touristischen Sonnenbrand. Der geheimnisvolle Mann im Mond hatte ausgedient: Neil Armstrong ersetzte ihn, ganz prosaisch.
Dann kam das Fernsehen, die Väter blieben dem Wirtshaus fern und leerten ihr abendliches Weinglas vor dem Kapsch- Minerva- oder Grundig- Apparat. All diese Marken sind längst ins Nirwana der österreichischen Industrie eingegangen. Der Computer, das Internet- die ganze Welt brach mit einem Mal über die Nachkriegskinder herein.
Nichts ist wie früher

Und heute? Früher staatstragende Parteien verzwergen, wir führen per EU- Mitgliedschaft Krieg mit Russland, die Neutralität wird von allen Seiten angeknabbert. Die Obrigkeiten, ob in Amerika, Brüssel oder Wien, lügen den Bürger unverschämt an (sie taten es früher auch, man wurde dessen nur nicht gewahr) und haben jede Glaubwürdigkeit verloren. Der Nachwuchs lernt in der Schule keine Volkslieder mehr, weiß zwar über aussterbende tropische Fischarten Bescheid, kann aber zwischen Fichte und Tanne, Buchfink und Stieglitz nicht unterscheiden. Die alten Sagen, Balladen und Gedichte verstauben in den Bibliotheken. auf den Straßen begegnet man auf schwarz verhüllte Frauengestalten aus dem Orient, die halbe Welt trägt hierorts ihre Auseinandersetzungen lautstark und tätlich aus: Wie können wir, die Wanderer durch diesen Zeitraffer der Geschichte uns da noch zurechtfinden? Wir sind heimatlos geworden, die vertrauten Nester ihrer persönlichen Geschichte sind leer, das Vertrauen ist ausgeflogen, die Zukunft bedrohlich geworden.
Die Verlockung der Resignation

Viele Fünfzig- bis Achtzigjährige teilen dieses Lebensgefühl und stehen vor der Frage:
- Soll man sich von dieser unvertraut gewordenen Welt abwenden?
- Soll man versuchen, die Uhr zurückzudrehen?
- Soll man sich resignativ abwenden?
Diese Frage stellt sich auch bei vielen anderen Herausforderungen. Die Weisheit von Generationen hat sich daran versucht. Die möglichen Antworten wurden in zwei Extremen zusammengefasst:
- „Wer aufgibt, hat schon verloren!“ oder-
- „Wenn dein Pferd tot ist, steig ab!“
Die Fähigkeit, den richtigen Zeitpunkt zu wählen, ab wann „das Pferd nicht mehr zu retten“ ist und man tatsächlich aufgeben sollte, ist eine ganz elementare Voraussetzung zum Überleben in einer immer unberechenbarer gewordenen Welt.
Wann gibt man das Nest ausgeflogener Hoffnungen endgültig auf? Gibt es einen Mittelweg?
Unsere Generation hat schon ganz andere Herausforderungen bewältigt. Man denke an die schwere Nachkriegszeit, die diversen Wirtschaftskrisen, die Erfolgsgeschichte der Ausgestaltung unseres schönen Landes und vieles mehr.
Es gilt nun , mitzuhelfen, einerseits die üblen Folgen des Kulturverlusts einzudämmen, und dabei dessen Ursachen nicht aus dem Blick zu verlieren. Eine Politik, die nur Symptome behandelt, gerät in eine Endlosschleife. Wir Bürger haben die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, die Obrigkeiten energisch daran zu erinnern und, jeder nach seinen Möglichkeiten, sich selbst einzubringen.

Die Devise
- Kurzfristig: Folgen lindern, um Schaden zu begrenzen.
- Langfristig: Ursachen angehen, damit die Probleme sich nicht weiter verstärken.
Nur über angeblich unveränderbare Ursachen zu jammern, ohne aktuelle Probleme zu lösen, kann nicht die Aufgabe verantwortlicher Politiker und Bürger sein. Gerade in letzterem Zusammenhang kann man als Einzelner nützlich wirken: bei den eigenen Nachkommen, in der Nachbarschaft, im Kontakt mit Pädagogen, Lokalpolitikern und im beruflichen Umfeld.
Eines aber wird niemand schaffen: Das unerbittliche Rad der Geschichte zurückzudrehen.
