Ein griechischen Mythos besagt, dass Schwäne vor ihrem Tode noch einmal mit trauriger, jedoch wunderschöner Stimme ein letztes Lied anstimmen. Deshalb bezeichnet man das letzte Werk eines Musikers oder eines Dichters, auch die letzte Rede eines Politikers, als „Schwanengesang“. Sokrates erklärte den besonders eindrucksvollen und fröhlichen Gesang der Schwäne vor ihrem Tod mit deren Vorkenntnis des Guten in der Unterwelt.
Der Fehdehandschuh Gerhard Zeilers
Andreas Babler ist von der Stunde seines physischen Abganges in das Reich der Schatten hoffentlich noch weit entfernt. Der Exodus als SPÖ- Chef droht allerdings zum zweiten Mal: Ein politischer Goliath, dem gegenüber er sich als David mit der Steinschleuder erweisen könnte, hat den Fehdehandschuh in den Ring geworfen.
Der 71-jährige Medienmanager Gerhard Zeiler will Vorsitzender der SPÖ werden. Sie liegt in den Umfragen derzeit bei desaströsen 15 Prozent und damit deutlich unter ihrem Ergebnis bei der Nationalratswahl 2024.

Für eine Kandidatur gegen den amtierenden Vorsitzenden müsste nach den von Babler nach seiner Inthronisierung im Jahre 2023 durchgesetzten Regeln eine Nominierung durch den Bundesparteivorstand oder 1.500 Unterstützungserklärungen erfolgen. Auch ein außerordentlicher Parteitag könnte Bablers Sturz einleiten. Was davon ist wahrscheinlich?
Was soll der Neue mitbringen…..
Wesentlich wird sein, mit welchem Programm Zeiler in die Auseinandersetzung zieht: Wofür soll die SPÖ künftig stehen? Ein Blick in die Wunschliste der Österreicher gibt Auskunft: Als die derzeit größten Probleme werden Zuwanderung, Teuerung und Gesundheitsversorgung genannt. Von einem verantwortlichen Politiker wiederum erwartet man-
- Ehrlichkeit und Integrität: Vertrauens- und glaubwürdig.
- Sachkenntnis und klare Pläne: Wie wird mit Teuerung, Gesundheitsversorgung und Zuwanderung umgegangen.
- Durchsetzungskraft und Belastbarkeit: Entscheidungsstark und standhaft.
- Bürgernähe: Kenntnis von Lebensumständen und Mentalitäten.
- Führungsfähigkeit: Verständliche Sprache und einigende Kraft.

Ein Auftritt im ORF am 27. September (dritter Abschnitt) brachte außer allgemeinen Ansagen Zeilers allerdings nur wenig Klarheit.
…was der Jetzige nicht kann?
Andreas Babler erfüllte bisher die meisten der erforderlichen Anforderungen nicht. Seine vollmundigen Versprechungen zur Millionärssteuer, Kindergrundsicherung, 14-Tage-Arzttermin und Vier-Tage-Woche verschwanden im Nirwana.
Minimale Teilerfolge (Spritpreisbremse, Lebensmittelkostensenkung) konnten die gebrochenen Gelübde nicht ausgleichen. Demzufolge sank das Vertrauen der Bevölkerung auf einen Tiefpunkt. Ohne dieses höchste Gut lässt sich in Krisenzeiten die Gefolgschaft aber nicht bei der Stange halten. Die Bereitschaft, mit einem unglaubwürdigen Anführer schmerzhafte Sanierungsmaßnahmen mitzutragen, geht gegen null.
Setzt man das geschilderte Anforderungsprofil dem gegenüber, was man von Gerhard Zeiler weiß, so ergibt sich der Vergleich im Bild:
Hohe Sachkenntnis, Durchsetzungskraft und Führungsfähigkeit erscheinen auf Grund des eindrucksvollen Lebenslaufs gesichert, damit auch ein gerütteltes Maß an Vertrauenswürdigkeit. Ein großer Schwachpunkt freilich ist die Bürgernähe: Ein Multimillionär, der sein Berufsleben in den letzten Jahrzehnten hauptsächlich im Ausland verbrachte, kennt die Sorgen und Bedürfnisse der Österreicher nur aus der Ferne. Auch die Belastbarkeit steht auf der Negativseite: Mit einundsiebzig Lenzen auf dem Buckel besitzt man nicht mehr die erforderlich Kondition, um eine Sechstagewoche samt 18-Stunden- Arbeitstag auf die Dauer auszuhalten. Dazu kommt die für einen betagten Manager ungewohnte Befassung mit einer Armada von Querulanten, die alles besser wissen und jede klare Entscheidung sofort in Frage stellen und verschieben wollen.
„Das übliche Gesudere“ (O-Ton Alfred Gusenbauer) erfordert ein fast übermenschliches Maß an Geduld und Leidensfähigkeit.

Babler gibt nicht auf
Diese Themen werden die Diskussionen in den nächsten Wochen dominieren. Wer wird dabei die Deutungshoheit gewinnen? Babler hat bereits signalisiert, nicht kampflos abzutreten. Nur wenige SPÖ- Granden haben bisher die sichere Deckung der Beliebigkeit verlassen. Man wird allseits darauf warten, wie laut die Stimme des Volkes erschallen und auf welche Seite sie sich neigen wird. Eine wichtige Rolle werden dabei die sozialen Medien spielen. Der Boulevard, der Babler aus eigensüchtigen Gründen (Presseförderung) kritisch gegenübersteht, wird sich auf Zeilers Seite schlagen.
Eine klare, mannhafte und ehrliche Sprache kann man aus der zähneklappernden Riege der hohen SPÖ-Funktionäre noch nicht erwarten. Deren Sorge um persönliche Pfründe und die Angst, nach der Entscheidung auf der falschen Seite gestanden zu sein, ist zu groß. Den Schaden wird bis dahin die SPÖ haben. Je länger der Krieg dauert, desto mehr Ruinen wird er hinterlassen. Ob es danach besser wird? Man wird sehen.
Postscriptum
In Japan gibt es eine besondere Art des Schwanengesangs: Das Todesgedicht. Ein eindrucksvolles Beispiel ist überliefert, Es lautet:
ひと魂で
ゆく気散じや
夏の原
„Als ein Geist werde ich jetzt umherschweifen
in den Sommerfeldern.“
Ob damit dereinst das politische Schicksal von Andreas Babler beschrieben wird?

