Zusammenfassung
Zehn Tage vor den US-Zwischenwahlen versucht Donald Trump, seine Anhänger mit Versprechen, Drohungen und Kehrtwendungen zu mobilisieren. Doch zwischen Ankündigungen und Ergebnissen klafft eine wachsende Lücke. Hohe Zölle belasten überwiegend amerikanische Unternehmen und Verbraucher. Die Besitzansprüche auf Grönland, Kanada und den Panamakanal blieben unerfüllt, die „Riviera“ in Gaza ein Luftschloss. Der Raub des Venezolanischen Öls beschädigte Washingtons Glaubwürdigkeit. Der als „kurz“ angekündigte Irankrieg dauert unvermindert an, kostet Menschenleben und verteuert Energie und Transporte. Gegenüber Putin wechseln Bewunderung, Sanktionen und Annäherung einander ab; gegenüber Kiew dominiert Druck. Der versprochene „Frieden binnen 24 Stunden“ mutierte zu einer diplomatischen Achterbahnfahrt.
Amerikas militärische Macht besteht fort. Wer Verbündete bedrängt und Vereinbarungen bricht, gefährdet aber auch seinen wirtschaftlichen Einfluss. Weltmacht lässt sich nicht dauerhaft durch Scharaden sichern. Ob die Wähler daraus Konsequenzen ziehen, wird der 3. November zeigen.
Trumps Rosstäuschereien
Ab heute, dem 24. Oktober, sind es noch 10 Tage, knapp zwei Wochen, bis zu den Wahlen ins US- Repräsentantenhaus. Gewählt werden dessen 435 Mitglieder und 35 der 100 Senatoren. Der Weltenlenker in Washington schlägt verzweifelt die erstaunlichsten Purzelbäume und bemüht die unmöglichsten Scharaden, um seine zögernden Anhänger bei der Stange zu halten. Dazu ist ihm kein Mittel zu durchsichtig, kein Manöver zu billig.

Aber seine Kunst, der ganzen Welt auf der Nase herumzutanzen, scheint an ihre Grenzen gestoßen zu sein: Er ist hypernervös geworden und hat vorsorglich Klage eingereicht, um die amtliche Feststellung des Ergebnisses der US-Senatswahl in Alaska zu blockieren – für den Fall, dass der republikanische Amtsinhaber Dan Sullivan verlieren sollte. Der Ausgang in diesem Bundesstaat könnte über die Machtverhältnisse im Senat entscheiden.
Bluff, Täuschung und Scharaden
Eine Scharade ist ein durchschaubares Schauspiel oder eine inszenierte Täuschung: Man gibt vor, ernsthaft etwas zu tun, obwohl das Ergebnis längst feststeht oder die wirkliche Absichten verborgen bleiben sollen. Für diese Art von Bauernfängerei liefert Trump fast täglich neuen Beispiele.
Die Pleite mit den Zöllen
Der Wirtschaftstheoretiker Stephen Miran bekräftigte Trump in seiner Überzeugung, mit einer Verhängung von hohen Zöllen das US- Budgetdefizit und die schwächelnde Wirtschaft positiv beeinflussen zu können. Die Fakten zeigen ein anderes Bild: Knapp 90 Prozent der Zollbelastung tragen US- Unternehmen und Bürger. Sie sind enttäuscht und erbittert.
Fantasierte Eroberungen

Kurz nach seinem Amtsantritt erhob Trump den Anspruch auf Territorien autonomer anderer Staaten. Dieser ging nach hinten los.
Grönland.
Forderung: Übernahme durch die USA; er schloss militärischen Zwang nicht aus. Resultat: Ein Zusammenarbeitsvertrag wurde geschlossen, aber Dänemark und Grönland bestehen auf Souveränität und Selbstbestimmung.
Panamakanal
Forderung: Rückkehr unter amerikanische Kontrolle. Resultat: Der Kanal bleibt unter panamaischer Verwaltung. Chinesen wurden ausgeschlossen.
Kanada
Forderung: Eingliederung als „51. Bundesstaat“, unterstützt durch wirtschaftlichen Druck. Resultat: keine Eingliederung und kein entsprechendes Abkommen. Kanada sucht zusätzliche Handelspartner.
Gaza-Streifen
Forderung: US- Übernahme und Entwicklung einer „Riviera“, Umsiedlung der Bevölkerung. Resultat: keine amerikanische Gebietshoheit.
Venezuela
Am 3. Januar 2026 griffen US-Truppen Venezuela an, nahmen Nicolás Maduro gefangen und brachten ihn nach New York. Anschließend übernahm Washington die Kontrolle über Ölverkäufe und deren Erlöse. Eine erzwungene Änderung des Erdölgesetzes öffnete den Sektor für private Investoren.
Iran- Krieg
Ankündigung: Dauer „vier bis fünf Wochen“: Resultat: Der Krieg dauert inzwischen fast acht Monate; Washington erwartet ein weiteres Jahr Konfrontation.
- Oktober 2026: Trump erklärte, den Krieg rasch beenden zu können. Tatsächlich bleiben Atomstreit und sichere Hormuz-Passage ungelöst.
- Humanitäre Bilanz: Tausende getötete Zivilisten, Zerstörungen und eine verschärfte Repression im Iran.
- Wirtschaftliche Bilanz: Höhere Energie- und Transportkosten; US-Benzin Mitte Oktober 45 Prozent teurer als vor dem Krieg.
Achterbahnfahrt um Ukraine und Putin
- Februar 2022: Putins Vorgehen im Donbas sei „genial“ und „geschickt.“
- 2023–2024: Versprechen: Ukrainekrieg „in 24 Stunden“ beenden.
- Februar 2025: Annäherung an Putin; Vertrauen auf direkte Verhandlungen.
- März 2025: Militärhilfe ausgesetzt; Druck auf Selenskyj zu Verhandlungen.
- Mai 2025: Nach russischen Angriffen: Putin sei „völlig verrückt geworden“.
- Juli 2025: „Sehr enttäuscht“ von Putin; Ultimatum und Sanktionsdrohungen.
- August 2025: Putin-Gipfel in Alaska; erneute Verständigungssuche, kein Durchbruch.
- September 2025: Kurswechsel: Ukraine könne sämtliche besetzten Gebiete zurückgewinnen.
- Oktober 2025: Sanktionen gegen Rosneft und Lukoil; wachsender Druck auf Moskau.
- September 2026: Neues Sanktionsgesetz gegen Russland.
- Oktober 2026: Erneute Annäherung: Dieseldeal mit Putin, Sanktionen teilweise ausgesetzt, verstärkter Druck auf Kiew.
- 21.–23. Oktober 2026: Neue Dreiergespräche angestrebt; weiterhin kein Waffenstillstand.

Das Vertrauen ist verspielt
Betrachtet man dieses Chaos, wundert man sich nicht über die Folgen: Die USA haben weltweit rapid an Vertrauen verloren. Der irrlichternde Kurs des Präsidenten, rücksichtsloser Umgang mit Verbündeten, der verächtliche, herablassende Ton etc. haben auch menschliche Barrieren aufgebaut.
Die offensichtliche Missachtung international gültiger Regeln und Vereinbarungen, u.a. im Fall Venezuela oder Iran, schrecken ehemalige Partner ab. Zölle und wirtschaftlicher Druck auch gegen ehemalige Freunde haben das Vertrauen in der Wirtschaft untergraben.

Das Ansehen der USA ist messbar gesunken: Pew Research stellte jüngst fest, dass nur 37 % ein positives, 57 % negatives USA-Bild entwickelt haben (36 Länder.)
Die militärische Macht der USA ist noch intakt. Das Vertrauen und die Gefolgschaft der Weltgemeinschaft aber schwinden. Es ist eine Frage der Zeit, bis sich das auch auf die wirtschaftliche Stärke der USA auswirkt: In der Folge schrumpft auch die sündteure militärische Präsenz.
In Rom singt man vom Untergang eines jahrtausendealten Imperiums ein melancholisches Lied. Ob das die Wähler, die am 3. November in den USA zur Urne pilgern, auch kennen?
