Die Welt sortiert sich neu

Die USA ringen mit dem Abstieg. China wird zum Konkurrenten. Donald Trump wütet weltweit, um den schleichenden Machtverlust seines Landes mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln aufzuhalten. Die Europäer beobachten fassungslos, wie ihre bisherige gemütliche Traumwelt einstürzt. In aller Munde, in jedem Chat und TV-Spot vernimmt man die Botschaft: Alarm! Es bleibt kein Stein auf dem anderen: Kanzler Stocker ging in seiner Regierungserklärung darauf ein- und spielte die heißeste Kartoffel, das Militär, ans Volk zurück.

Die Älteren unter uns, welche sich für Geschichte interessieren und- o Wunder! Latein gelernt haben und sich daneben der KI zu bedienen wissen, sehen das alles gelassen. Sogar die jüngere Vergangenheit lehrt, dass es immer schon gewaltige Umbrüche gab, und eindrucksvolle Beispiele, wie große Geister in den schwierigsten Lagen daraus das Beste machten. Was wäre das Beste für uns Österreicher?

Ein kleiner Mann übernimmt ein großes Erbe

Man schreibt das Jahr 1979. Die „Kulturrevolution“ war haarsträubende Vergangenheit, der „Große Sprung nach vorn“ ging katastrophal nach hinten los. Mehrere Millionen sind verhungert, das Riesenreich der Mitte lag wirtschaftlich am Boden. Mao, der „Große Steuermann“ , lag im Grab und hatte seinem Nachfolger Deng Xiaoping ein heruntergewirtschaftetes, bitterarmes Land hinterlassen. Das steinzeitlich-kommunistische Experiment war krachend gescheitert.

Der „Große Steuermann“ Deng, als Teenager Student in Frankreich, später Minister, Verbannter, dann wieder hoher Politiker in Beijing, maß lediglich 1,57 m. Nicht nur durch seinen Ausspruch: „Egal ob gelbe Katze oder schwarze Katze- solange sie Mäuse fängt, ist sie eine gute Katze.“ wurde er weltberühmt. Er schaffte es, das darniederliegende Riesenreich innerhalb weniger Jahrzehnte zu einem ernsten Konkurrenten der anderen Weltmächte umzugestalten. Währenddessen hatte sich auch die restliche Welt in einer Weise geändert, welche den heutigen Umbrüchen verblüffend ähnelt.


Weltweite Umgestaltung

Mit dem Einmarsch der UdSSR in Afghanistan begann eine neue Phase der Konfrontation zwischen den Weltmächten. In den Jahren von 1980 bis 1995 Im Iran stürzte der Schah und ging in die Emigration. Ajatollah Ruhollah Chomeini begründete die Islamischen Republik und wandte sich vom Westen ab. In der UdSSR brodelte es, Gorbatschow verkündete Glasnost und Perestroika. Die Berliner Mauer fiel, viele Militärdiktaturen, wie z.B. Spanien, brachen zusammen, die UdSSR löste sich auf. Reagan und Thatcher privatisierten und deregulierten die Wirtschaft. Kein Stein blieb auf dem anderen. Das war die von den USA dominierte Welt, in der Deng den Trümmerhaufen aufräumte, den Mao hinterlassen hatte.

Dengs Katze

Mit dem uralten chinesischen Katzengleichnis begründete Deng seine gewagte Politik der „Reform und Öffnung“. Die Einführung des kapitalistischen Systems und der Wettbewerbswirtschaft befreite China aus dem Steinzeitkommunismus. Das freie Spiel der Marktkräfte, orchestriert durch eine straffe kommunistischen Führung katapultierte China binnen eines halben Jahrhunderts in die Liga der „Großen Drei“ der Weltwirtschaft. Das bitterarme Reich der Mitte wurde zuerst zur Werkbank der Welt, dann zu einem ebenbürtigen Spieler in der Raumfahrt, sodann der Elektronik und künstlichen Intelligenz. Es rückt derzeit zu einem als gefährlich empfundenen Konkurrenten des gesamten Westens auf.

Möglich wurde das durch einen kreativen Bruch der Isolation in einer versagenden Ideologie. Mit der Übernahme eines Erfolgsprinzips des weltanschaulichen Erzfeindes schlägt man diesen nun mit seinen eigenen Waffen: in der autoritären Faust des Kollektivismus.


Die Ähnlichkeiten

Die aktuelle Weltlage hat viele Gemeinsamkeiten mit jener, in der man sich in den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts befand: Alle Karten werden neu gemischt. Donald Trump beschreitet extrem verwegene Pfade. Es bleibt abzuwarten, wo seine brutalen Experimente münden werden. Europa dagegen zaudert und erschöpft sich in Sonntagsreden und Gipfelkonferenzen. Diese münden mehrheitlich in der Beschwörung einer- sehr theoretischen- Einigkeit, der Notwendigkeit des wirtschaftlichen Aufbruchs, der Bewaffnung und des bänglichen Bewusstseins, von Feinden umringt zu sein. Von einem wagemutigen, kreativen Ansatz, wie einst von Deng und jetzt, bei allen Vorbehalten, Trump, ist weit und breit nichts zu sehen. Europa verschanzt sich hinter alten bröckligen Mauern, die man notdürftig zu flicken versucht.


Wohin, Europa und Österreich?

Will man aus der Doppelmühle USA-Russland mit heiler Haut und gesicherter Zukunft herauskommen, muss ein mutiger, neuer Weg beschritten werden. Den östlichen Riesenblock Russland/China als Feind zu begreifen, gegen den man im Falle einer tatsächlichen militärischen Auseinandersetzung niemals bestehen wird können, führt in die totale Isolation. Die USA lassen Europa gerade fallen. Sich auf dem Gebiet der Energie- und Rohstoffversorgung, der technologischen Entwicklung und der Sicherheit in die unbefristete Abhängigkeit von einem Land, von dessen Führung man verachtet und öffentlich lächerlich gemacht wird, zu begeben, ist fahrlässig und dumm. Andererseits kann ein Kontinent, der energetisch und rohstoffmäßig nicht autark und nicht in wirksamem Besitz von Atomwaffen und Satellitenpotenzial ist, nicht ohne Freunde bestehen.

Staaten aber haben keine Freunde, sondern nur Interessen. Es bleibt nur eine wirklich erfolgversprechende Langzeitstrategie für den alten Kontinent. Er muss abwägen, wo seine Interessen und jene potenzieller Freunde eine nützliche Schnittmenge haben.

Wo ist die Katze, die mit uns gemeinsam Mäuse fangen kann? Ihre Farbe sollte uns gleichgültig sein- wie einst Deng Xiaoping