Der Wutbürger

„Lauter Trotteln!“ Das ist die häufigste Antwort auf die Frage, die man vom Hundebesitzer beim Stadtparkbummel und Verwandten beim Kaffee auf die Frage, wie die Lage im Lande eingeschätzt wird. Dehnt man die Erkundigung auf die Weltpolitik aus, so hört man „Verbrecher!“ „Kriegstreiber!“ und politisch Inkorrektes, das an dieser Stelle nicht zitierfähig ist.
In den Zeitungen ist von der Gemütslage des Durchschnittsbürgers nicht die Rede. Die große Mehrheit der Berichterstatter und Kommentatoren käut die Absonderungen der Politiker wieder und beugt sich, je nach Richtung ihrer Postille, ein wenig nach links oder zur Mitte. Ausgewogene, sachlich fundierte Beiträge sind seltene Ausnahmen und verhallen ohne Folgen.
Aufreger ohne Ende

Internationale Zeitungen wandeln die Botschaften der US-Nachrichtenagenturen mehr oder weniger kreativ ab. Kommentatoren huldigen den jeweiligen Herausgebern entweder durch Lobpreisungen oder der Verteufelung von Donald, dem Weltenkutscher. Der leibhaftige Satan sitzt stets in Moskau. In China haust ein zweiter Erzfeind und greift nach der Macht in der Welt. Dass er das mit Fleiß, Kreativität und Einigkeit anstrebt, wird nicht gewürdigt, sondern nach Möglichkeit torpediert. Der ukrainische Präsident sitzt in seinem Bunker, während rund um ihn alles in Scherben fällt und ruft lauthals und ununterbrochen nach Waffen. Er findet Gehör in der EU, aber es nützt nichts. Trump hat sich bereits abgesetzt und verhandelt mit Putin über die Aufteilung der Beute. Währenddessen sterben unzählige Soldaten und Zivilisten. So etwa geht es nun schon lange. Neben vielen Gipfelkonferenzen, Beschwörungen, Sonntagsreden und Absichtserklärungen und viel widersprüchliche Propaganda geschieht nichts Sinnvolles.
Wahlern ändern nichts

Früher, als wir noch eine funktionierende Demokratie hatten, änderte sich nach Wahlen manches in der Regierung. Heutzutage kann man wählen, was man will – danach erblickt man überrascht wieder fast dieselben Gestalten am Ruder. Es ist sehr bitter! Man könnte weiter lamentieren, aber allein das Erwähnte ist schon übergenug. Man muss kein Psychologe sein, um die Folgen einer derartigen Lage im Volk zu erraten.
Der Bürger erregt sich, wählt aus Protest und hört aufgeschreckt auf Populisten von rechts und links. Allein – alles geht im gleichen Trott weiter: bergab. Die Erkenntnis „Es ändert sich nichts. Was immer man auch unternimmt, es nützt nichts!“ greift um sich“. Die Obrigkeiten tun, was sie wollen. Man grinst blasiert und bläst selbstgerecht heiße Luft aus. Es bläht sich auch manch geistig Unbedarfter.
Verschwörungstheorien bestätigen sich

Viele erkennen, dass die Welt insgesamt von einer Clique von gewissenlosen Schurken aus dem Hintergrund gesteuert wird. Angesichts der Epstein-Files und ähnlicher Beobachtungen nimmt die Zahl bekennender Verschwörungstheoretiker täglich zu.
Aus der trüben Mixtur aus internationalen Nachrichten, Fake News, Social Media, Kriegspropaganda und dem Bodensatz österreichischer Zeitungs- und Rundfunkberichten eine belastbare Meinung zu bilden kostet Zeit, Mühe und hin und wieder auch schlechten Schlaf.
Bewahre Maß!
Dennoch ist es der Mühe wert. Man muss allerdings auf der Hut sein: Nur allzu leicht kann die Seele unter den Eindrücken leiden, die man bei der Beschäftigung der Meinungsbildung hinnehmen muss. Es gelten auch bei der Befassung mit dem Weltgeschehen die alten Weisheiten: „Allzu viel ist ungesund“, und „In der Beschränkung zeigt sich der Meister“.
Den Kompass seiner Meinungen und Anschauungen stets aktuell einzunorden ist unerlässlich. Wenn man dabei die vielen kleinen Freuden des Lebens zu übersehen beginnt und allem Unheil dieser Welt gestattet, einen düsteren Schatten in die Seele zu werfen, sollte man aber innehalten und sich das Gelassenheitsgebot des US-amerikanischen Ethikers Reinhold Niebuhr (1892–1971) vergegenwärtigen.
Das Gelassenheitsgebot
„Gott, gib mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“
Das gilt auch für mich, einen bekennenden frommen Heiden. Ich weiß, wovon ich rede.

