In den letzten Jahrzehnten hat sich sie Anzahl und der Aufstieg diktatorisch geführter Länder wesentlich erhöht. Auch deren weltweiter Einfluss hat zugenommen. Die märchenhaften Aufstiege der Volksrepublik China oder des kleinen, aber höchst erfolgreichen Stadtstaates Singapur erstaunen die Welt. Selbst eine der ältesten Demokratien der Welt, die USA, nehmen auf dem Umweg der selbstherrlichen Methoden Donald Trumps Anleihen bei Autokraten wie Xi Jinping in Beijing oder Pseudo- Demokraten, wie Modi in New Delhi.

Verdrängte Wahrheiten

Es wäre töricht, die Augen vor diesen Realitäten zu verschließen: Heute (Stand 2024) leben 72 % der Weltbevölkerung (ca. 5,8 Milliarden Menschen) in Autokratien, deren Zahl nimmt kontinuierlich zu. Wo liegen die Gründe für das Zurückfallen der europäischen Demokratien im weltweiten Wettbewerb? Warum können die USA ihren Wohlstand nur durch ungeheure Schulden aufrechterhalten, welche sie erpresserisch auf den Schultern der ganzen Welt abladen? Die Gründe dafür liegen im Unterschied zwischen den grundverschiedenen Selbstbildnissen der Menschen in der westlichen und fernöstlichen Welt.
Freiheit und Gemeinsinn

Im Westen ist es, seit Voltaires und John Lockes Lobpreisung des Individualismus und Jeffersons Verkündung der Menschenrechte in den USA eine Selbstverständlichkeit, dass die Freiheit des Einzelnen an vorderster Stelle rangiert. („Life, Liberty and the pursuit of Happiness“). Jeder kann sich nach Belieben entfalten, sofern er sich an die Gesetze hält. Diese wurden unter dem Druck zahlreicher Minderheiten, die sich lautstark Gehör verschaffen, immer lockerer und liberaler. Die Rechte des Einzelnen zur Ausbreitung seiner individuellen Bedürfnisse überwuchern den Gemeinsinn, die Verantwortung für das Gemeinwohl. Dabei wird übersehen, dass die Freiheit des Einen zugleich eine Begrenzung des Anderen bildet.
Darauf bezieht sich die Schopenhauersche Fabel.
Das Gleichnis von den Stachelschweinen
„Eine Gesellschaft von Stachelschweinen drängte sich an einem kalten Wintertage dicht aneinander, um sich durch ihre Wärme vor dem Erfrieren zu schützen. Bald jedoch empfanden sie die gegenseitigen Stacheln; der Schmerz trennte sie wieder. Wenn nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammenbrachte, wiederholte sich jenes zweite Übel; sodass sie zwischen beiden Leiden hin- und hergeworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie es am erträglichsten fanden.
So treibt das Bedürfnis nach Gesellschaft die Menschen zueinander; aber ihre vielen widrigen Eigenschaften und Fehler stoßen sie wieder voneinander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden und bei welcher ein Beisammensein möglich wird, ist Sitte und Höflichkeit (die Moral, Anm.)“
Man kann dieses Gleichnis auf den aktuellen/neuesten Stand bringen, indem die Länge der Stacheln ins Spiel gebracht wird. Diese ist ein Symbol für die Individualität des Einzelnen, des Raums, den er in der Gesellschaft beansprucht. Der Anspruch auf Freiraum ist enorm gewachsen- aber auch die Zahl der Individuen hat zugenommen. So kommt es, dass die Menschen einander immer mehr behindern und ärgern, aggressiver werden und der Gemeinsinn auf der Strecke bleibt. Das aber gilt hauptsächlich für die westliche Gesellschaft. In Asien liegen die Dinge anders.
Asiens „Wir- Gesellschaften“

Im Gegensatz zu westlichen Gesellschaften dominieren dort gemeinschaftliche Werte. Das „Wir“ steht über dem „Ich“. Familie und Gemeinschaft sind zentral, starke Bindungen zu Eltern, Geschwistern und dem Familien-Clan beherrschen die Gesellschaft. Xi Jinping begründete am 31. Dezember 2014 die immer wiederkehrende Neugeburt seiner Nation folgendermaßen: „Die Familie ist unser Rettungsboot. Sie ließ uns das Auf und Ab, den jahrhundertelangen Wechsel stets unbeschadet überleben.“ In China wird der Gemeinsinn stark durch das zentralistische kommunistische System unterstützt, in Singapur ist es der mächtige Staatschef. Gemeinsam gelebte Werte bilden den Schlüssel zum gesamtstaatlichen Erfolg.
Der zersplitterte Westen
Ein großer Irrtum ist es, die westliche Gesellschaft als „gespalten“ hinzustellen. Es gibt nicht mehr zwei oder drei große Ideologien, die miteinander konkurrieren. Zahllose unterschiedliche Positionen haben sich herausgebildet. Von „Woken“ zu extrem Rechten, über Freunde und Geringschätzer der NATO hin zu Land- und Stadtbewohnern, Verehrern und Hassern Trumps bis zur Gefolgschaft oder Ablehnung des Keynesianismus und unterschiedlichen Einstallungen zur Sexualität spannt sich der Bogen der Individualisten. Die Summe der Freiheiten aller wird dabei zum Gefängnis für den Einzelnen.

Wer die die Nase vorne hat

Wie sich zeigt, sind es derzeit jene, die es verstehen, die Potentiale ihrer Bürger am besten zu bündeln. Dies ist in den europäischen Demokratien nicht der Fall – im Gegenteil! Immer mehr Parteien kämpfen gegeneinander und gönnen einander keinen Erfolg. So kommt es, dass dringende Entscheidungen verschleppt, klare Ziele verwässert und notwendiger Maßnahmen auf die lange Bank geschoben werden. Die Pferde am Wagen des Staates ziehen in entgegengesetzten Richtungen. Der Karren steht still oder bricht.
Schlussfolgerung
Gelingt es nicht, diese systemischen Fehler der Demokratie an die Herausforderung der neuen Zeit (kurzfristige Veränderungen, die entschlossenes, gemeinsames Handeln verlangen) zu korrigieren, wird sie in wenigen Jahren von den aufstrebenden Autokratien überholt werden. Um mit Schopenhauer zu reden: Die Stachelschweine müssen ihre Stacheln zurückstutzen.

