Diesen Artikel schrieb ich am 15. Jänner 1995, also vor mehr als einem Vierteljahrhundert, für das Journal „New Business“. Ich gebe ihn hier, wegen nach wie vor gegebener Aktualität, wortwörtlich wieder. Er möge dafür dienen, den Wert der Proaktivität und Vorausschau und dessen krasser Missachtung in Österreich zu dokumentieren.

Er bestärkt mich in meiner Meinung, dass all das Bücherschreiben, Kommentieren und Erklären niemals dort wirkt, wo es eigentlich hingehört: In den Köpfen der Verantwortlichen.

Es dient zum Großteil dem eigenen Erkenntnisgewinn und – hoffentlich – dem Behagen einer sehr begrenzten verständigen Leserschaft. Das allein aber ist schon genug, um weiterzumachen.

Der alte Beitrag

Vorbeugen ist besser als Löschen

I

Dem normal Denkenden ist es klar: Feuersbrünsten muss man durch Vorsicht und  sorgfältigen Umgang mit Brennbarem vorbeugen. Außerdem  zündelt man nicht. Für den Fall, dass es trotz aller Vorsichtsmaßnahmen doch einmal zu einem Unglück: Blitzschlag, Brand, Explosion, Giftwolke- kommen sollte, hat sich seit Jahrhunderten die löbliche Gilde der Feuerwehren gerüstet. Stetige Übung („Erster Steiger, ergreife die Loater….“), straffe Disziplin und liebevoller Umgang mit jeweils modernster Ausrüstung, gepaart mit großer Einsatzbereitschaft, ferner eine gewissen Liebe zu Bränden ließen diese Institution zu einer unentbehrlichen Einrichtung im Ernstfall werden. Schnell sind die Behelmten  zur Stelle, ergreifen die Initiative, legen Schläuche, stellen ungeheuer lange Leitern auf und dringen unverdrossen auch in die dicksten Rauchwolken ein. Unter Hintanlassung großer Verwüstung, rauchender Trümmer, veredelt durch enormen Wasserschaden, verlassen sie die Stätte des Unglücks. Ganz ohne Zweifel  aber ist die Feuerwehr, trotz alledem, von großer Nützlichkeit. Außerdem bringen Ernstfälle die Menschen näher zueinander und sorgen für Teamgeist. Unbestritten aber bleibt- zur Erinnerung! dass es klüger ist, Brände lieber doch nicht ausbrechen zu lassen.

II

Wie denkt man über einen Hausbesitzer, der, erstens, überall offene Benzinkanister, Papierberge und brennbare Chemikalien herumliegen läßt und, zweitens, zur freien Verfügung, auch noch Feuerzeuge und Zündhölzer? Man würde ihm wohl Dummheit und Fahrlässigkeit vorwerfen. Die Krone aber setzte er seiner Dummheit auf, indem er, wenn das Erwartete geschieht- der Brand ausbricht und dicke Rauchwolken aufsteigen- anfinge, darüber nachzudenken, was nun zu tun sei. Wenn er begänne, fieberhaft herumzutelephonieren, Berater zu fragen und in den Lexika nachschlüge, um Rat zu schaffen- so lange, bis alles niedergebrannt und der Schaden total ist. Viel zu spät denkt er letztendlich an die Feuerwehr, der dann nur mehr die traurige Arbeit bleibt, die Ruinen zu sichern- ein Aschenputtel vor einem armseligen Rest. Wenn viele Hausbesitzer dieses Verhalten annähmen, so wandelte sich auch die Funktion der Feuerwehr  in die einer Brandwache. Ein gänzlich anderer Geschäftszweck, eine andere unique selling proposition.

III

Der fahrlässige Hausvater

Nun, wozu die ganze Fabel? Blicken wir uns um. Unser Budget ist aus den Fugen. Das Schulsystem ist längst reformbedürftig. Die Wirtschaftskammer ist, wie jüngst berichtet wurde, nicht mehr ganz liquide. Das Spitalssystem kostet jedes Jahr um 10% (in Worten zehn Prozent) mehr. Ein Unternehmer, dessen Kosten jedes Jahr um 10% steigen, hält diesen Zustand höchsten drei Jahre lang aus, dann ist er Unternehmer gewesen. Das Bundesbahndefizit steigt jedes Jahr, dafür hat man jetzt die Lösung: kürzere Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich. Der staatliche Monopol- Rundfunk machte operative Verluste. Die EVU´s  beklagen die Unmöglichkeit, neue Kraftwerke zu bauen, teilen aber dann mit, wir hätten zuviel Strom. Im Staatssäckel klafft ein Riesenloch. Den Großparteien laufen- warum wohl? die Wähler in Scharen davon.

Nun, man könnte zum ersten sagen: dies alles hätte, im Sinne eines vorbeugenden Brandschutzes, doch vermieden werden können. Schon vor zehn Jahren war klar, daß die Schulen dezentralisiert, der Parteieneinfluß reduziert und der Luxus der Gratisbücher modifiziert gehört. Daß die Verantwortung hinunter muß aus den Bonzenburgen zu den Wissenden an der Front, in die operative Ebene. Detto im Gesundheitswesen: Alle haben gewußt- auch die zuständigen Minister, deren Namen schon wieder entschwunden sind- daß, was nichts kostet, auch als wertlos empfunden und daher verschleudert wird. Zwanzig Jahre hat man über Selbstbehalt gesprochen. Anstatt an der Front zu handeln, wurden riesige Paläste für die Verwaltung gebaut, dutzende Generaldirektoren etabliert. Nun schlägt man vor, Spitäler zu schließen. Was aber, so fragt man sich, werden dann die vielen Generaldirektoren wohl tun? Patienten wird´s überdies unbequemerweise ja auch noch geben.

Wohl wußten all die Bundesbahnchefs und Minister- groß ist die Zahl der Dahingeschiedenen- daß man zu viel Personal, zu viele Nebenbahnen, zu wenig Service hat. Dreißig Jahre lang weiß man das schon. Nun wird eine neues teures Dienstrecht und ein Tunnel um sieben Milliarden (7.000.000.000 öS) die Lösung bringen. Bald werde auch ich mit der Bahn durch die schwarze Röhre brausen. Immer schon ich habe darauf gewartet!

Wenigstens beim ORF tut man was- spät, aber doch, das sei hervorgehoben. Was die Großparteien betrifft- dieser Brand schwelt nur noch; mehr Asche als Rauch. Öffentlich erfolgt die Diskussion darüber, wozu sie eigentlich noch gut wären; man rätselt hilfesuchend über das Produkt, das man anbieten soll, weil das alte abhandengekommen ist und man vergessen hat, nach Neuem zu forschen. Sogar dem Kunden- dem Wähler-  wird treuherzig ins Auge geblickt: Man fragt ihn, was ihm wohl angeboten werden könne. Fürwahr, ein ergreifendes Bild.

IV

Die verlorene Kostbarkeit:   Handlungsspielraum

Wir haben das vorausblickende Handeln verlernt. Proaktivität nennen es die Obergescheiten: Handeln, wenn die Zeit gekommen, nicht, wenn sie schon vorbei ist. Man hätte aus der Verstaatlichten Industrie noch 1975 einen wunderschönen, profitablen und mehrheitlich im Privatbesitz der Österreicher befindlichen Konzern machen können. Statt dessen resultierten, um etwa 110 Mrd. Zuschuß, Ruinen und Firrmen, die sich in ausländischer Hand befinden- mit ganz  wenigen löblichen, eher zufälligen Ausnahmen. Alles niedergebrannt. 

Noch 1980 waren alle Chancen gegeben, die Pflichtschulen kraftvoll zu reformieren: Dezentralisation, Entrümpelung, Leistungsprinzip, gute Leute an die Front. Statt dessen- Diskussionen, Experimente im Detail, politisches Gezerre. Jetzt ist kein Geld mehr da, und mit Sparen allein ist noch keine Firma gerettet worden- Großbrand. ORF: Löschen in Gang. Spitalsystem: Großbrand. Bundesbahn: Asche. Großparteien: feuchte Asche.

Wie denkt man wohl über einen Hauseigentümer, dessen Anwesen sich in einem solchen Zustand befindet? Weisheit und Voraussicht kann man ihm beim besten Willen nicht attestieren. Es ist aber immer noch ein bißchen Spielraum gegeben, bis das Gesetz des Handelns völlig verloren sein wird. Viel ist es nicht mehr- aber es könnte sich immer noch ganz gut ausgehen, falls nicht gewartet wird, bis alles niedergebrannt ist.

Beim nächstenmal wäre es vielleicht ganz gut, früher aufzuwachen.

Postskriptum 2026

Es herrscht noch immer Halbschlaf, unter Alpträumen.

Interessiert an weiteren Beiträgen? https://woltron.com/user-register/


[1]Dipl. Ing. Dr. Mont. Klaus Woltron ist (war damals) freier Unternehmer und Geschäftsführender Gesellschafter eines internationalen Instituts für Wirtschaftspsychologie