Mephistos Diagnose

…….. Denn eben wo Begriffe fehlen,
Da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein.
Mit Worten lässt sich trefflich streiten,
Mit Worten ein System bereiten,
An Worte lässt sich trefflich glauben,
Von einem Wort lässt sich kein Jota rauben……..

Böses Erwachen

Nimmt man einem Hofhund seinen geliebten Zaun, der ihn von den Passanten trennt, so läuft er lange Zeit immer noch bellend an der gewohnten Trennungslinie auf und ab- als ob der Sicherheit spendende Zaun noch bestünde. Er lebt in seiner bisherigen Befindlichkeit weiter und weigert sich, die neue Situation zur Kenntnis zu nehmen. Dieses Schicksal widerfährt offensichtlich gerade den Anführern unserer Regierungsparteien. Das Erwachen kann schlimm sein – wenn z.B. ein anderer großer, böser Hund kommt, dem diese Scheinwelt herzlich einerlei ist.

Alte Begriffe – neu befrachtet

Das Regierungstrio hat seine Mehrheit verloren und beginnt, Auflösungserscheinungen zu zeigen. Die Flucht in den Selbstbetrug entpuppt sich als Irrweg, das mutige Pfeifen im Wald erzeugt nicht frischen Kraft, sondern nur Befremden beim Wahlvolk. Der Eikettenschwindel mit altem Wein in neuen Schläuchen ist mehr als durchsichtig.

Manch schlauer Mensch – es kommen auch schlaue Politiker vor – versucht sein altes Anliegen, mit dem er aus den verschiedensten Gründen nicht durchkam, semantisch, wortklauberisch, zu behübschen, es in neue, aber nichts Neues beinhaltende Begriffe zu hüllen. So wurde aus brutaler Intoleranz die Heilige Inquisition, aus der Diktatur des Proletariats das Sowjetparadies seligen Angedenkens und aus  manchem Schund ein hochgejubelter, allerdings nur kurzlebiger Bestseller.  

Wie durch ein Wunder ersteht – ein weiteres kreatives Beispiel – aus dem einstigen Begriff des „Friedensprojekts“ die waffenstarrende „Europäische Verteidigungsunion“. Der dazugehörige Feind war alsbald ausgemacht. Man führt auch keine Friedesverhandlungen, sondern klammheimliche „Konsultationen“.

Tja. „Denn eben wo Begriffe fehlen…..“ oder man zu schamhaft ist, solche zu verwenden, die auch alle verstehen, tauft man die Begriffe einfach um:

  • Sondervermögen statt neue Staatsschulden.
  • Humanitäre Intervention statt Militäreinsatz
  • Friedensmission für bewaffnete Auslandseinsätze.
  • Klimabeitrag statt Steuer oder Abgabe.
  • Solidarbeitrag statt Steuererhöhung.
  • Anpassung der Renten statt Rentenkürzung oder Kaufkraftverlust.
  • Arbeitsmarktreform statt Abbau von Sozialleistungen.
  • Flexibilisierung des Arbeitsmarktes statt Lockerung des Kündigungsschutzes.
  • Strukturreform statt Stellenabbau oder Leistungskürzungen.
  • Beitragsanpassung statt Preiserhöhung.
  • Bürgergeld statt Sozialhilfe (oder umgekehrt – je nach politischer Sichtweise).
  • Schutzsuchende statt Asylbewerber oder Flüchtlinge

Systematisches Wischi-Waschi

Ich fühle mich verarscht, und viele andere auch. Das – vielleicht heilsame – Desaster der Dreierkoalition ist nicht zuletzt dadurch verursacht worden, dass sich beide Großparteien lange Jahre um wichtige, natürlich auch kontroversielle, Grundsatzentscheidungen und Weichenstellungen angsterfüllt herumgedrückt haben.

Viele ausländische Kommentare haben uns das in den letzten Tagen wieder und wieder vergegenwärtigt – wenn wir schon so wenig hochgemut sind, es uns selbst einzugestehen. Kickl ist nicht zuletzt ein Produkt der jahrzehntelangen Flucht vor klaren Entscheidungen. Sei es die Sicherheitsfrage, der Kammerstaat, die Schludereien bei Staatsbetrieben, ORF, Deregulation, Ausländerpolitik – immer haben wir unser Heil in möglichst unklaren Scheinprojekten und Umformulierungen gesucht- jenen des Teufels.

Der Vernebelungspfad

Man ist auf dem besten Wege, diesen verderblichen Pfad der Vernebelung durch  Worte unverändert weiter zu beschreiten. Alte Untugenden werden neu eingefärbt, Sackgassen unverdrossen neu befahren.

Auch jene forsche Person, die mit der Fahne des Neubeginns und frischen Windes in die Regierung eintrat, wandelte sich dort geschwind zu einer runzligen politischen Veteranin.

Gewonnen haben jene, die klare Worte sprachen – ob diese akzeptabel und realisierbar sind oder nicht, bleibe dahingestellt. Mit Nebel wird man in Zeiten starken Winds jedenfalls nichts gewinnen können. Der jeweilige Mephisto auf der Oppositionsbank – wie immer er auch gerade heißt– lacht sich klammheimlich ins schwefelduftende Fäustchen. 

Ganz leise: Denn dies alles wird ihm, wie allen seinen Vorgängern, zum Vorteil gereichen.