Die Freuden des Imkers
Die heurige Ernte war sehr gut, die Qualität ist exzellent. Das Kreuz des Imkers allerdings hat arg gelitten, der Verbrauch an Voltaren 50 ist gestiegen. Dennoch ist die Freude groß. Die allermeisten Menschen wissen nicht, welches Wunder hinter dem morgendlichen Löffel Honig auf dem Butterbrot steckt. Ich möchte ihnen daher etwas von diesem unglaublichen Volk erzählen. Seit ich, neben Urgroßvaterschaft und anderen Freuden Bienenvater bin, gehe ich mit anderen Augen durch die Welt. Es interessiert das Blühen der Obstbäume; ich beobachte giftversprühende Traktoren, alle Felder im Umkreis von einem Kilometer werden beobachtet.
„Was wohl bald dort wachsen wird?“

Am Verhalten der Bienen am Flugbrett erkenne ich, wie es um das Wohl des Stocks bestellt ist. Ein Maßstab ist auch der Grad an Stechlust, gegen welche ich mittlerweile immun bin. (Facettenaugen und Stachelapparat habe ich bis jetzt noch nicht ausgebildet).
Seit 20 Millionen Jahren gibt es die Biene – Apis mellifera – in fast unveränderter Form. Alle Honigbienenfunde in Bernstein zeigen Bienen, wie man sie heute kennt.
Warum das so ist? Das sollte für uns, die wir bloß seit ein paar hunderttausend Jahren in der heutigen Form existieren, der näheren Betrachtung wert sein. Lehren aus dem Bienenleben sind freilich cum grano salis zu bewerten: Allzu enge Darwin´sche Analogien führen zu gefährlichen Schlüssen.
Der Wohnraum der Herrscher

Der englische König residiert in einem gewaltigen Palast. Buckingham Palace verfügt über 775 Räume. Etwa 800 Angestellte umsorgen ihn Tag und Nacht. Sein Jahresetat beträgt rund 50 Mio. Euro.
Eine Bienenkönigin findet mit einer Grundfläche von etwa einem dreiviertel – Quadratmeter das Auslangen. Für den Mitarbeiterstab muss sie sich vor dem Kollegen in London aber nicht schämen: In den besten Zeiten umfasst er 50.000 Arbeitsbienen und ein paar tausend lüsterne Drohnen. Das Jahresbudget wiederum beträgt nur etwa € 500.- (ca. 30 kg duftender Honig).
Es ist eine eigene Sache mit den Bienen. Auf den ersten Blick sind sie so verschieden von uns, wie man nur sein kann. 0,1g schwer, ca. 1 cm lang, 4 Flügel, sechs Beine, ein winziges Gehirn und ein ebenso winziger, hochkomplexer Organismus. Dennoch kann man Vieles von ihnen lernen.
Anführerin ohne Macht

Ein Bienenvolk umfasst bis zu 70.000 fortpflanzungsunfähige Weibchen. Daneben faulenzen ein paar tausend Drohnen, welche entweder, nach Verrichtung ihrer biologischen Pflicht, des Phallus beraubt, abgeworfen oder als Junggesellen aus dem Stock vertrieben werden. Die Königin ist das einzige fruchtbare Weibchen im Staat. Sie wird von ihren Schwestern, die in der Regel ihre Nachkommen sind, umhegt, gepflegt, geputzt und gefüttert – aber nur bis zu jenem Zeitpunkt, da ihre Kraft schwindet. Dann wird sie dezent zu einer speziellen Brutzelle geführt mit dem Befehl, für ihren eigenen Nachwuchs zu sorgen. Dies geschieht gehorsam in Form einer Eiablage in diese Weiselzelle.
Nachdem die Prinzessin geschlüpft ist, harrt der alten Königin ein schneller Tod. Aus ist´s dann mit der Herrschaft, die nur ein Dienst am Volk war, solang ihre Kräfte nachweisbar waren, durch ihren Duft. Vor diesem traurigen Ereignis hat sie an manchen Tagen bis zu 2000 Eier am Tag – mehr als ihr eigenes Körpergewicht – gelegt, ist einst mit dem halben Volk ausgezogen („geschwärmt“), hat andernorts eine neue Dynastie gegründet und einige hunderttausend Nachkommen in die Welt gesetzt.
Was für den Führer eines Menschenvolkes die Macht, das Image sind, ist für eine Bienenkönigin die Kraft eines Drüsensekrets, der 9-Oxo-trans-2-decensäure. Solange sie dieses verströmt, wissen ihre Mitbürgerinnen: „Sie ist stark, sie sorgt für unsere Zukunft. Wir pflegen sie“. Sollte dem Herrscher im Bundeskanzleramt zu Ohren kommen, wie man mit seiner Kollegin im Bienenvolk umgeht, wird er sich eines unguten Gefühls vermutlich nicht erwehren können.
Wenn die erste Person im Staat ihren Aufgaben nicht mehr mit voller Kraft nachzukommen vermag, wird sie gnadenlos abgesetzt. Bei uns Menschen dauert es oft viele Jahre, bis man unfähige Häuptlinge los wird. Währenddessen richten sie nicht selten großen Schaden an. Grausame Hinrichtung gehört Gott sei Dank vergangenen Zeiten an. Nur Trump darf das noch, aus der Ferne mit Drohnen.
Das soziale Prinzip

Bienen opfern sich für ihr eigenes Volk bis zur Selbstaufgabe auf. Nicht nur, dass sie ihre Königin oder die Brut im Gefahrenfalle ohne Rücksicht auf das eigene Leben wehrhaft verteidigen. Sie teilen die vorhandene Nahrungsmenge stets gleichmäßig untereinander auf. „Trophallaxis“ nennt man dieses soziale Verhalten: Ein Bienenvolk verhungert entweder solidarisch – oder gar nicht.
Bienen als vorbildlich altruistische Wesen? Das wiederum wäre wieder weit gefehlt. Sie sind xenophob und ausschließlich ihrem eigenen Stock verpflichtet. Verfliegt sich eine Königin zu einem fremden Volk, wird sie am Eingang alsbald hingerichtet. Flüchtlinge aus fremden Völkern werden ebenfalls abgewiesen: Sie riechen anders. Ausnahmen sind zugelassen, wenn eine gefüllte Honigblase vorgewiesen wird. Ohne Mitbringsel kein Asyl! Zeigt ein Bienenvolk Schwäche, fällt es seinen Nachbarn zum Opfer. Die Honigvorräte werden geplündert, die Brut gefressen. Übrig bleibt eine bröselige Ruine, bevölkert von einem todgeweihten Rest verängstigter Bewohnerinnen.
Bienen berichten, was sie erlebt haben. Ob die Tatsache, dass sie dies in Form von Tänzen erledigen, mit der Begeisterung wegen gefundenen Futters zusammenhängt? Welches Tier vermag zu erzählen, wie weit weg, in welcher Richtung und Menge Nahrung zu finden ist? Mir fällt keines ein. Karl v. Frisch (1886 – 1982) erhielt für die Entdeckung dieser Fähigkeit 1973 den Nobelpreis. Er fand heraus, dass Bienen mit Hilfe des Sonnenstandes, des Erdmagnetfeldes und der Polarisationsrichtung des Lichts eine genaue Positionsfeststellung treffen. Wenn sie sodann in ihre stockfinstere Behausung heimkehren, beginnen sie einen Tanz, vermittels dessen sie lohnende Nahrungsquellen melden. Der Nobelpreis 1973 für Physiologie hätte eher den Bienen gebührt, als Herrn v. Frisch, der ihnen ihr Geheimnis bloß entlockte.
Terror im Bienenstock

Der Terrorist schleicht sich in eine Gesellschaft ein, tarnt sich mit unterschiedlichen Methoden, beutet sie aus oder fügt ihr schweren Schaden zu. Davor sind Bienen, so lang sie auch schon gelernt haben, mit Feinden umzugehen, nicht gefeit. Die Varroa – Milbe wanderte um 1975 aus Asien ein. Sie nistet sich in den Wiegen der jungen Larven ein, saugt sie aus, begleitet sie durchs ganze Leben. Das tut sie auch mit der erwachsenen Biene. Das soziale Leben im Stock wird durch ihre durch schrankenlose Vermehrung so beeinträchtigt, dass das ganze Volk in seiner Verzweiflung die Behausung letztendlich verlässt und in der Fremde verhungert oder erfriert.
Ein anderer Räuber ist der Totenkopfschwärmer. Dieser geflügelte Geselle schleicht sich des Nachts in den Bienenstock, tarnt sich mit einem Geruch, den die Bienen als ihresgleichen empfinden. Mit seinem langen Rüssel saugt er den Honig aus den Waben, durchbohrt sie, um seine Schandtat an der gegenüberliegenden Seite fortzusetzen.
Die Kärntner Biene
Kaum jemand bei uns weiß, dass die Kärntner Biene der am weitesten verbreitet österreichische Exportartikel ist. Weil sie viele liebenswürdige Eigenschaften ihrer menschlichen Landsleute teilt – fleißig, friedfertig, schwarmträge und heimatliebend – hat sich die Apis mellifera carnica zur beliebtesten Zuchtbiene der Welt hinaufgearbeitet. Jedes Jahr verlassen tausende begattete Bienenköniginnen in zündholzschachtelgroßen Kästchen, begleitet von je etwa 10 Dienerinnen, ihre Heimat in den Alpen. Bis ins ferne Australien, die USA und viele andere Staaten der Welt fliegen sie hinaus. Freilich mit Hilfe wesentlich größerer Flügel als sie selbst besitzen.
Einig bis zum Tod

Nahrungsversorgung, Kommunikation, Gesundheit und soziale Organisation verbindet das Bienenvolk zu einem einzigen biologischen System. Das menschliche Pendant zur Bienenkönigin hat allzu oft eine andere Motivation. Es wird getrieben von der Lust an der Macht, dem Bedürfnis, seine Ansichten und Pläne zu realisieren. Er lässt sein Ego strahlen, übertrumpft Konkurrenten, etc. Unabhängig davon, ob er oder sie dem Volk nützt, oder schadet – die Erhaltung der Macht steht an vorderster Stelle. Je lauter das Volk murrt, desto größer werden die Anstrengungen, an der Macht zu bleiben, koste es, was es wolle: Im Gegensatz zum Bienenvolk ist die Neigung zur Trophallaxis dem Menschenvolk selten zu eigen- am wenigsten dessen Obrigkeiten. Ausnahmen bestätigen die Regel.

2 Kommentare
Ihr Artikel ist sehr informativ, danke dafür. Warum ist der Mensch total entgleist? War es Bestimmung, Absicht, oder Zufall. Die Entwicklung ist für mich unnatürlich, jedenfalls im Vergleich zu den Bienen und vielen anderen Lebewesen. Bienen werden möglicherweise überleben, der Mensch sicher nicht.
Die Entscheidungsfreiheit des Menschen begünstigt das Individuum vor dee Gemeinschaft.