Ist sie möglich, die bessere Welt? Oder ist schon die Frage danach ein Ausfluss jenes unverwüstlichen Wunschdenkens, das den Homo sapiens seit jeher begleitet? Es ist im Begriff, einem lähmenden Pessimismus zu weichen.

Die Diagnose

Die dreizehn Wurzeln aller derzeit herrschenden Übel wurden letztens beschrieben. (link)

  • Verlust der Ehrfurcht
  • Entmenschlichung des Anderen
  • Herrschaft des Mammons
  • Wille zur Macht
  • Lüge und organisierte Unwahrheit
  • Macht durch Technologie
  • Angst
  • Verlust von Verantwortung
  • Macht der puren Menge
  • Zerstörung von Tabus
  • Verlust des Wissens
  • Nebenwirkungen der Technisierung
  • Entfremdung von der Natur

Diese Bestandsaufnahme hatte es in sich- darin wird mir die geneigte Leserschaft wohl zustimmen. Es gilt nun, die Gründe für die Perversion, das monströse Wachstum einzelner unveränderbaren menschlichen Instinkte, neuer Entwicklungen und deren Wechselwirkungen zu identifizieren. Gibt es Mittel und Wege, diesen Trends zu begegnen?

Die Aufgabenstellung

Der Mensch verfügt heute über Kräfte, welche frühere Generationen den Göttern zugeschrieben hätten. Er spaltet Atome, verändert Gene, durchmisst den Weltraum, lenkt gewaltige Datenströme und ist dabei, Maschinen mit künstlichem Verstand auszustatten. Moralische Reife und die Fähigkeiten zur Selbstbegrenzung haben mit diesem Machtzuwachs allerdings nicht Schritt gehalten. Ein übergeschnappter Zwerg sitzt im Führerstand einer gewaltigen Maschine, deren Bremsen er mit seinen kurzen Beinchen nicht erreichen kann- und manchmal auch nicht will.

Bevölkerungswachstum und Ressourcenknappheit erhöhen den Änderungsdruck, ungeeignete Führungskräfte verschärfen die Lage, fehlerhafte Systeme fördern schädliches Verhalten. Konzentrierte Macht, digitale Verstärkung von Fehlinformationen, geschwächte soziale Bindungen und kurzfristige Anreize verbinden sich zu einem gefährlichen Gebräu.

Aber nicht alles wurde schlechter. Armut und Kindersterblichkeit gingen zurück, Bildung und Lebenserwartung nahmen zu, Menschenrechte wurden gestärkt. Vieles, was uns heute empört, geschah früher nicht seltener, sondern bloß im Verborgenen. Es geht daher nicht um die Rückkehr in eine vermeintlich heile Vergangenheit, sondern darum die Errungenschaften der Moderne zu bewahren und ihre zerstörerischen Auswüchse zu bändigen. Bewahre Maß!1 Ist die Devise, die schon der Philosoph einst vorgab.

Die Skala der Wirkmächtigkeit

Wo aber soll man ansetzen? Beim einzelnen Menschen, in der Gemeinde, im Staat, in Brüssel oder gleich bei der gesamten Menschheit?

Der Einzelne kann wahrhaftig, maßvoll und verantwortlich handeln, die Weltpolitik wird er damit nicht aus den Angeln heben. Familien, Gemeinden, Vereine und Genossenschaften können Vertrauen stiften und jene kleinen Netze der Verlässlichkeit knüpfen, ohne welche jede große Ordnung zerfällt.

Der Staat verfügt über Gesetze, Schulen, Steuern, Gerichte und soziale Sicherung. Europa wiederum besitzt genügend wirtschaftliches Gewicht, um Konzernen und anderen Großmächten Regeln entgegenzusetzen.

Die Weltgemeinschaft schließlich wird gebraucht, sobald es um die Begrenzung von Atomwaffen, künstlicher Intelligenz, biologischer Techniken, Emissionen, Ausbeutung der Meere und digitale Manipulation geht.

Die größten Erfolgsaussichten liegen, wie so oft, in der Mitte zwischen den Extremen. Eine Weltregierung bleibt Gott sei Dank ein ferner Traum, der Einzelne allein wiederum ist überfordert. Dazwischen aber liegt ein breites Feld realer Gestaltungsmöglichkeiten.

Worauf konzentrieren?

Wer alles gleichzeitig verbessern will, wird gar nichts verbessern. Manche Übel sind Ursachen, andere lediglich deren Folgen. Man muss daher zuerst jene Mechanismen anpacken, die alles Übrige verstärken.

An erster Stelle steht dabei die Konzentration von Macht: Kapital, Daten, Medien, Technologie und politischer Einfluss sammeln sich in immer weniger Händen. Hinzu kommen die gezielte Verbreitung von Unwahrheit, das Verschwinden persönlicher Verantwortung in Organisationen und Apparaten sowie das Anstreben kurzfristiger Erfolge auf Kosten der Zukunft.

Macht muss daher abgestuft und geteilt, kontrolliert und widerrufbar bleiben. Digitale Inhalte, politische Werbung und automatisierte Auswahlverfahren müssen in ihrer Herkunft erkennbar sein – freilich ohne ein staatliches Wahrheitsministerium. Wer entscheidet, muss identifizierbar sein und für die Folgen geradestehen. „Alternativlos“ ist fast nichts: Irgendjemand hat entschieden, und dieser Jemand trägt die Verantwortung.

Bildung muss mehr leisten als das pure Oktroyieren unzusammenhängender Informationen und rasch veraltenden Wissens. Urteilskraft, Quellenkritik, geschichtliches Denken und der zivilisierte Umgang mit Widerspruch sind oberste Bildungsziele. Und der Markt? Er ist ein leistungsfähiges Werkzeug, aber ein maßloser Gott. Nicht alles, was einen Preis besitzt, hat Wert; und nicht alles Wertvolle darf käuflich sein.

Was kann der Staat tun?

Der Staat soll nicht DEN guten Menschen erzwingen. Solche Versuche endeten bisher regelmäßig in Bevormundung, Unterdrückung oder gar Tyrannei. Er muss dafür sorgen, dass Rücksichtslosigkeit, Täuschung und Machtmissbrauch nicht auf Dauer erfolgreicher sind als anständiges Verhalten.

Dazu sind unabhängige Gerichte, Transparenz bei Lobbys und Seilschaften, der Schutz von Hinweisgebern und eine Kontrolle der Plattform-, Daten- und KI-Macht unabdingbar

Jedes wichtige Gesetz müsste vier einfachen Fragen genügen:

  • Welches Problem soll es lösen?
  • Woran erkennt man den Erfolg?
  • Welche Nebenwirkungen sind zu erwarten?
  • Wann wird es wieder aufgehoben, falls es nicht mehr wirkt?

Langfristige Aufgaben dürfen nicht dem Rhythmus von Wahlterminen ausgeliefert bleiben. Zukunftsräte, Generationenprüfungen und überparteiliche Organisationen können helfen. Sie dürfen allerdings keine ungewählten Nebenregierungen bilden. Entscheiden müssen jene, die dafür demokratisch verantwortlich gemacht werden können.

Eine besondere Schwierigkeit bildet das „Vorreiterdilemma“. (Wer sich als Einziger höhere Standards auferlegt, kann von Skrupelloseren überholt und aus dem Markt gedrängt werden). Moralische Vorleistung allein genügt daher nicht. Reformen mit Wettbewerbsfolgen benötigen eine kritische Masse, gemeinsame Regeln, überprüfbare Gegenseitigkeit und Schutz vor Dumping. Der Erste, der das Richtige tut, darf nicht der Erste sein, der daran zugrunde geht.

Was können Parteien tun?

Die Wähler können nur zwischen jenen Personen auswählen, welche ihnen die Parteien vorsetzen. Wenn innerparteilich Gehorsam, Anpassung und Fernsehtauglichkeit mehr zählen als Erfahrung, Charakter und Urteilskraft, ist die Wahl bereits getroffen, bevor der Bürger das Wahllokal betritt.

Parteien müssten die Maßstäbe für die Kandidatenauswahl definieren, sachliche Minderheitsmeinungen schützen, Ämterhäufungen begrenzen und berufliche wie kommunale Erfahrung und nachgewiesene Leistungen hoch bewerten.

Finanzierung, Nebeneinkünfte, Lobbykontakte und politische Onlinewerbung gehören vollständig offengelegt. Wahlversprechen sollten dokumentiert, beziffert und später öffentlich und verbindlich mit den Ergebnissen verglichen werden. Das Gedächtnis des Publikums ist kurz, jenes der Demokratie sollte länger sein.

Auch hier lauert das Vorreiterdilemma. Eine Partei, die sich freiwillig Beschränkungen auferlegt, während alle anderen unbekümmert weitermachen, kann sich selbst aus dem Rennen nehmen. Faire Regeln müssen daher möglichst für alle gelten, und die Strafe für einen Verstoß muss höher sein als der daraus erzielte Vorteil. Andernfalls wird die Übertretung eines Gesetzes zur bloßen Betriebsausgabe.

Was kann der Bürger tun?

Der einzelne Bürger kann das große Getriebe nicht anhalten. Er kann sich aber weigern, täglich Öl zwischen seine schädlichsten Zahnräder zu gießen.

Er kann Nachrichten prüfen, Tatsachen von Vermutungen unterscheiden, eigene Irrtümer eingestehen und andere Meinungen unvoreingenommen- wenn auch zähneknirschend- prüfen. Er kann sich der unwürdigen, wohligen Empörung enthalten, mit der ihn die digitalen Plattformen fesseln. Künstliche Intelligenz mag ein hervorragender Diener sein; als Orakel oder Ersatz für das eigene Denken ist sie brandgefährlich. Gedanken, Argumente und kluge Fragen muss der Einzelne selbst entwickeln. Die Recherche kann man, unter Check, Crosscheck und Gegencheck, der KI überlassen, meinetwegen auch die Systematisierung der Ergebnisse.

Politische Wirkung entsteht nicht nur in der Wahlzelle. Sie wächst in Gemeinden, Vereinen, Bürgerinitiativen, Parteien und Berufsverbänden. Qualitätsmedien und lokale Berichterstattung überleben nur, wenn jemand bereit ist, für sie zu bezahlen. Junge Menschen brauchen nicht bloß Bildschirme und Belehrungen, sondern praktische Aufgaben, Beispielgebung, Naturerfahrung und tatsächliche, langsam gesteigerte Verantwortung.

Mut ist erforderlich, aber nutzlose Selbstaufopferung ist keine Tugend, sondern Dummheit. Wer Missstände aufdeckt, sollte Beweise sichern, Verbündete suchen und Schutzorganisationen einschalten. Ein einsamer Held wird leicht beseitigt; eine gut vorbereitete Gruppe verändert das Kräfteverhältnis.

Wo liegen die Chancen?

Nicht alle Überraschungen müssen Katastrophen sein. Technische Durchbrüche bei Energie, Speicherung, Emissionsreduktion oder Nahrungsmittelproduktion könnten den Kampf um knappe Güter entschärfen.

Dieselbe künstliche Intelligenz, welche Überwachung und Manipulation ermöglicht, kann Fälschungen erkennen, Korruption aufdecken, komplizierte Behördenwege verständlich machen und jedem Menschen einen ausgezeichneten, nie ermüdenden kostenfreien Lehrer zur Verfügung stellen.

Vielleicht wächst auch der Überdruss an der digitalen Dauererregung. Eine kommende Generation könnte Privatheit, Natur, Handwerk, Langsamkeit und persönliche Begegnung wiederentdecken. Große kulturelle Wendungen beginnen oft nicht mit einem Gesetz, sondern damit, dass ein herrschender Lebensstil plötzlich als leer, lächerlich und unwürdig empfunden wird.

Auch glaubwürdige, verantwortungsvolle- weise- öffentliche Persönlichkeiten, neue Erkenntnisse über Angst und Gruppendenken oder eine unerwartete internationale Verständigung könnten Entwicklungen beschleunigen. Auf solche Schwarzen Schwäne darf man freilich nicht bauen. Man kann aber dafür sorgen, ihnen rechtzeitig Landebahnen und Nahrung vorzubereiten: Schon die Hoffnung kann sie anlocken.

Welche Risiken bestehen?

Jede Reform trägt den Keim des Missbrauchs in sich. Der Kampf gegen Desinformation kann zur Zensur werden, die Berufung auf Wissenschaft in Expertenherrschaft münden. Eine bequeme digitale Verwaltung kann sich über Nacht in einen automatisierten Überwachungsapparat verwandeln. Und wer mit größtem moralischem Eifer gegen die Entmenschlichung kämpft, erklärt womöglich bald alle Andersdenkenden zu minderwertigen Menschen.

Auch die bloße Verschiebung von Macht löst nichts. Private Macht wird nicht dadurch harmlos, dass man sie verstaatlicht; staatliche Macht nicht dadurch tugendhaft, dass sie sich „öffentlich“ nennt.

Dagegen helfen nur aufmerksame, verantwortungsvolle Bürger, unabhängige Gerichte, Öffentlichkeit, Transparenz, Pilotprojekte und die Möglichkeit, Fehler zu korrigieren. Vor allem aber müssen die Grundrechte auch für Irrende, Unbequeme und politische Gegner gelten. Sonst sind es keine Grundrechte, sondern Belohnungen für Wohlverhalten.

Wo liegen die größten Hindernisse?

Der härteste Widerstand kommt nicht von Irrtümern, sondern von hochwirksamen Einzelinteressen. Viele Missstände sind für ihre Nutznießer keine Mängel. Sie sind Geschäftsmodell, Machtbasis oder Karriereweg. Plattformen verdienen an provozierter Erregung, Monopolisten am fehlenden Wettbewerb, Bürokratien an immer neuen Zuständigkeiten und Parteien an undurchsichtigen Apparaten. Geld bringt Geld.

Dazu treten die Schwächen des Menschen selbst: Lagerdenken, Verlustangst, Bequemlichkeit, Geltungsdrang, Verantwortungsflucht und die unstillbare Sehnsucht nach einfachen Antworten. Die Lüge, welche die eigene Gruppe bestätigt, ist für viele bekömmlicher als die Wahrheit, die sie in Verlegenheit bringt.

Reformen haben zudem einen eingebauten Nachteil: Ihre Kosten und Belastungen sind sofort spürbar, ihr Nutzen liegt häufig in ferner Zukunft. Sie benötigen daher nicht bloß moralische Appelle, sondern kluge Anreize, Übergangshilfen und eine faire Lastenverteilung. Wer den kleinen Leuten die Rechnung präsentiert, während die Großen sich freikaufen, hat die Reform politisch schon verloren.

Ermutigende Beispiele

Weltverändernde Bewegungen entstanden, wenn sichtbares Unrecht auf eine überzeugende Idee, eine entschlossene Minderheit und günstige Umstände trafen. Eine Erneuerungsbewegung hatte stets ein glaubwürdiges Vorbild, vermittelte einfache sittliche Botschaften und motivierte eine Gemeinschaft, die diese auch dauerhaft und sichtbar lebte.

  • Solon von Athen (um 594 v. Chr.) milderte die Schuldknechtschaft, begrenzte die Macht des Adels und bereitete den Weg zur Demokratie.
  • Franz von Assisi (1181/82–1226) begründete eine Bewegung der Armut, Friedfertigkeit, Nächstenliebe und Achtung vor der Natur.
  • Mahatma Gandhi führte Indien mit gewaltlosem Widerstand in die Unabhängigkeit.
  • Martin Luther King Jr. kämpfte gewaltlos gegen Rassentrennung und Entrechtung.
  • Nelson Mandela überwand gemeinsam mit anderen die Apartheid und ermöglichte Versöhnung statt Vergeltung.
  • Die Vorkämpfer der Sozialgesetzgebung errangen die Befreiung von der Ausbeutung der Arbeiterschaft.

Zusammenfassung und Ausblick

Die vollkommene Gesellschaft wird es nicht geben. Machtstreben, Angst, Habgier, Lüge und Feigheit gehören zur menschlichen Erbsubstanz. Keine Religion, keine Verfassung und keine Wirtschaftsordnung hat sie dauerhaft abgeschafft. All dies muss in jeder Generation neu gebändigt werden. Einst genügten 10 Gebote, heute bedarf es vieler Ergänzungen.

Zivilisation besteht nicht darin, den Menschen neu zu erschaffen. Seine gefährlichen Anlagen müssen durch Recht, Kultur, Bildung, Verantwortung und Gegenmacht begrenzt werden. Das erreichbare Ziel ist keine Welt ohne Eigennutz, Irrtum und Konflikt. Es ist eine Ordnung, in der Macht begrenzt, Lüge erschwert, Verantwortung sichtbar und Menschenwürde sakrosankt bleibt.

Moral darf keinesfalls durch bewusste Tabubrüche ausgehöhlt werden. Institutionen, Machtbewusstsein und klug gesetzte Anreize entscheiden, ob der Weg zur Vermeidung schädlicher Fortschrittsfolgen auch begangen wird. Besserung wird dauerhaft, wenn Zusammenarbeit lohnender, Regelbruch teurer und der Übergang für die Betroffenen erträglich ist.

Wir sollten daher weder auf den großen Führer noch auf die weise Maschine oder den rettenden Schwarzen Schwan warten. Die eigentliche Hoffnung liegt in der stets wachen, vorbereiteten, resilienten Gesellschaft: einer Gesellschaft, die günstige Wendungen zu nutzen versteht und ungünstige überstehen kann, ohne ihre Freiheit, ihre Menschlichkeit und ihren Verstand preiszugeben. Allein damit zu rechnen, macht schon die Hälfte der Umkehr zum Besseren aus.

  1. ↩︎

Im Leide sei getrost, das du nicht wendest,

Doch sei beherzt, mit Stirn und Schild dem Feindlichen zu wehren!

Nur Starkmut lässt bestehn.

als Sieger jauchze nicht vor der Gemeinde und bist besiegt du, klage haltlos nicht an deinem Herd.

Der Freude freue dich-bekümmert sei im Schmerze! Jedoch bewahre Maß –

Denn wandelbar ist Menschenlos und unverbürgt. (Archilochos, Ἀρχίλοχος, ca. 680-645 v. Chr.)