Eine umfassende Diagnose
Der Arbeitstitel dieses Beitrags war ursprünglich „Hoffnung“. Die Strategien, um aus dem herrschenden Tohuwabohu- Kriege, Entfremdung, Naturzerstörung, Spaltung und Propaganda- auszubrechen, wollte ich vor Augen führen, um den Mut zu neuen Anläufen herauszufordern. Auf der Suche nach den tieferen Wurzeln all der herrschenden Fehlentwicklungen grub ich tiefer und tiefer und verlor dabei mein ursprüngliches Ziel aus den Augen.
Ein Zwischenergebnis
Das Ergebnis der Grabung stelle ich ihnen hiermit vor: 13 Ursachen, warum sich große Teile der Menschheit – je weiter sie im sogenannten Fortschritt vorangekommen sind- dermaßen verrannt haben. Das Projekt „Hoffnung“ muss ich deswegen auf einen weiteren Beitrag verschieben. Angesichts der Dimensionen des Beschriebenen wird das eine Mammutaufgabe werden. Nun aber zu den Ergebnissen der Wurzelgrabung, aufgelistet in trockener Systematik.
Verlust der Ehrfurcht

Wenn Ehrfurcht verschwindet, wird alles verfügbar: der Mensch, die Natur, die Wahrheit, der Körper, die Zukunft.
- Der Verlust des Heiligen
Nichts wird mehr als unantastbar anerkannt. - Der Verlust der Menschenwürde als moralische Grenze
Würde bleibt ein Wort, verliert aber die grenzziehende Kraft. - Die Herrschaft der Nützlichkeit
Wert hat nur noch, was funktioniert, nützt oder Gewinn bringt. - Sinnentleerung
Das Leben verliert an Tiefe, Verpflichtung und moralische Richtung. - Das Primat der Nutzbarkeit
Alles wird zu Rohstoff: Körper, Gefühle, Beziehungen, Kultur, Natur.
Entmenschlichung des Anderen

Wer den Anderen nicht mehr als vollwertigen Menschen ansieht, kann fast jede Untat rechtfertigen.
- Objektivierung
Menschen erscheinen als Fälle, Funktionen und Zahlen . - Feindbildproduktion
Gruppen werden pauschal zu Bedrohungen erklärt. - Moralische Ausgrenzung
Bestimmten Menschen wird weniger Schutz oder Mitgefühl zugestanden. - Sprachliche Herabsetzung
Verachtung, Spott und Kälte bereiten reale Brutalität vor. - Abwertung
Manche Gruppen werden für das große Ganze als verzichtbar erklärt.
Herrschaft des Mammons

Geld ist nicht bloß Mittel, sondern oberster Zweck.
- Kommerzialisierung
Immer mehr Lebensbereiche werden in Ware verwandelt. - Profit vor Gemeinwohl
Kurzfristiger Ertrag schlägt langfristige Verantwortung. - Konsumismus
Haben verdrängt Sein, Kaufen verdrängt Sinn. - Kommerzialisierung des Lebens
Die Amortisation der eingesetzten Mittel ist das oberste Ziel. - Korruption von Institutionen
Politik, Medien, Bildung und Gesundheit werden käuflich und interessenbestimmt.

Wille zur Macht
Viel Übles entsteht aus der Gier, andere zu beherrschen.
- Herrschsucht
Das Bedürfnis, andere zu kontrollieren und zu unterwerfen. - Prestigebesessenheit
Rang, Sichtbarkeit und betonte Überlegenheit werden zum Selbstzweck. - Macht um der Macht willen
Einfluss wird zum Selbstzweck. - Institutionelle Machtausdehnung
Organisationen drängen danach, Einfluss ständig zu vergrößern. - Demütigungsbedürfnis
Macht zeigt sich oft im Wunsch, andere zu erniedrigen.

Lüge und organisierte Unwahrheit
Wo Tatsachen systematisch zerredet und zerstückelt werden, verlieren Orientierung, Vertrauen und Urteil ihre Grundlagen.
- Propaganda
Desinformation wird gezielt zur Steuerung des Denkens eingesetzt. - Ideologische Verzerrung
Fakten werden einem vorgefertigten Weltbild angepasst. - Halbwahrheit
Nicht nur die offene Lüge, sondern auch das selektive Weglassen wird zur Norm. - Sprachvernebelung
Klare Sachverhalte werden in manipulative Formeln aufgelöst. - Relativierung der Wahrheit
Alles wird aus subjektiven Perspektiven oder in Form von Narrativen dargestellt.
Macht durch Technologie

Technologie ist heute der stärkste Hebel, um andere Übel weithin wirksam zu machen.
- Überwachung
Verhalten kann beobachtet und gespeichert werden. - Algorithmische Steuerung
Aufmerksamkeit, Entscheidungen und Vorlieben werden ausgewertet und gesteuert. - Konzentration von Einfluss
Wenige unkontrollierte Akteure erreichen und beeinflussen Milliarden Menschen. - Die Macht der Infrastruktur
Wer Informationsnetze kontrolliert, erweitert seine Handlungsmöglichkeiten. - Automatisierte Selektion von Informanten
Zugang, Sichtbarkeit und Chancen von Informationsträgern werden maschinell zugeordnet.
Angst

Angst ist eine Urgewalt für politische, soziale und persönliche Verhärtung.
- Existenzangst
Furcht vor Armut, Hunger, Krieg oder Absturz. - Statusangst
Angst vor Bedeutungsverlust und sozialem Abstieg. - Fremdheitsangst
Das Unbekannte wird reflexhaft als Bedrohung gedeutet. - Kontrollverlustangst
Menschen klammern sich an ihre bisherigen Positionen und einfachen Antworten. - Sinn- und Zukunftsangst
Wenn die Zukunft bedrohlich erscheint, werden Menschen anfällig für Extreme.
Verlust von Verantwortung

Übel gedeihen unkontrolliert, wo niemand persönlich einstehen muss.
- Delegationsmoral
Verantwortung wird an Systeme, Regeln oder Vorgesetzte abgegeben. - Anonymisierung des Handelns
Aktionen können ungehindert schaden, ohne dass sich jemand schuldig fühlt. - Ausreden auf den Sachzwang
Man behauptet, gar nicht anders handeln zu können. - Verdünnung der Verantwortung
Je größer das System, desto schwächer das persönliche Verantwortungsgefühl. - Absichtliche Folgenblindheit
Die Konsequenzen des eigenen Handelns werden ausgeblendet.
Macht der puren Menge

Die Masse kann Heimat sein, aber auch auf verhängnisvolle Abwege geraten.
- Konformitätsdruck
Abweichung wird sozial bestraft. - Affektansteckung
Empörung, Angst und Hass springen unkontrolliert über. - Demagogische Lenkbarkeit
Große Gruppen reagieren stark auf einfache Parolen. - Nivellierung von Qualität
Das Mittelmaß verdrängt Urteil, Tiefe und Exzellenz. - Verantwortungsschwund
In der Menge fühlt sich keiner mehr wirklich zuständig.
Zerstörung von Tabus

Nicht jedes Tabu ist nützlich, aber die meisten schützen das Menschliche vor Entgrenzung.
- Grenzauflösung
Das vormals Undenkbare und Verbotenen wird zuerst diskutabel und dann normal. - Schamverlust
Innere Hemmungen verlieren ihre orientierende Funktion. - Verlust des ganz Persönlichen
Schutzräume von Intimität, Geburt, Tod, Sexualität oder Schuld erodieren. - Provokationskult
Grenzverletzung wird mit Freiheit oder Mut verwechselt. - Moralischer Verfall
Wiederholung stumpft das Gewissen ab.
Verlust des Wissens

Informationsflut fördert den Verlust von Urteil, Gedenken und umfassender Bildung.
- Geschichtsvergessenheit
Einstige Katastrophen und ihre Ursachen werden vergessen. - Verlust von Urteilskraft
Menschen können Wichtiges nicht mehr von Unwichtigem unterscheiden. - Traditionsabbruch
Wertvolles überliefertes Wissen wird nicht weitergetragen. - Oberflächenwissen
Viel Information ersetzt kein Verstehen. - Abhängigkeit von Deutungen
Menschen übernehmen Meinungen, weil das eigenes Denken zu mühsam wird.
Nebenwirkungen der Technisierung

Technisierung bringt Nutzen, aber auch negative soziale und psychische Folgen.
- Beschleunigung
Alles wird schneller, aber nicht unbedingt besser. - Entpersönlichung
Standardisierte Verfahren ersetzen Begegnung, Systeme ersetzen Beziehung. - Komplexitätsabhängigkeit
Das Leben hängt von störanfälligen, schwer durchschaubaren Strukturen ab. - Fähigkeitsverlagerung
Gedächtnis, Orientierung, Handwerk und Bemühung werden an Dritte oder Computer ausgelagert. - Unsichtbare Folgekosten
Schäden werden räumlich, sozial oder zeitlich verschoben und unsichtbar gemacht.
Entfremdung von der Natur

Sie ist tiefgreifend, aber in vieler Hinsicht schon Folge anderer Entwicklungen.
- Natur als Rohstoffbild
Die Welt erscheint nur noch als Materiallager. - Verlust leiblicher Rhythmen
Menschen leben gegen Schlaf, Jahreszeiten und biologische Rhythmen. - Ökologische Blindheit
Zerstörung wird spät oder gar nicht wahrgenommen. - Verlust des Maßes
Grenzen natürlichen Wachstums und natürlicher Belastbarkeit werden missachtet. - Heimatverlust im elementaren Sinn
Der Mensch erlebt sich nicht mehr als Teil einer lebendigen Ordnung.
Was nun?

Diese Bestandsaufnahme hat es in sich. Darin wird mir die geneigte Leserschaft wohl zustimmen. Es ist mir fast zu viel. Das weitaus Schwierigere aber steht noch bevor: Auswege, Hoffnungen auf Besserung und, folgend wohlfeilem Wunschdenken, mögliche glückliche Wendungen durch machtvolle Schwarze Schwäne zu identifizieren. Viele der aufgezählten Wurzeln heutiger Übel sind tief im Genom des Homo Sapiens verborgen und von seinen stammesgeschichtlichen Ahnen ererbt. Es gilt, die Gründe für die Perversion, das monströse Wachstum einzelner zerstörerischer Instinkte und angelernter Verhaltensweisen und deren Wechselwirkungen zu identifizieren. Das behalte ich den Betrachtungen in nächster Zukunft vor.
