Die SPÖ hat gestern, am 4. Oktober 2026, eine der denkwürdigsten Nicht- Entscheidungen ihrer Geschichte getroffen. Ihr bisher erfolglosester Parteiobmann Andreas, vulgo Andi, Babler bleibt bis Beginn des kommenden Jahres SPÖ-Parteichef und Vizekanzler. Ministerin Holzleitner und Klubobmann Kucher werden Babler mit sofortiger Wirkung an der Parteispitze „zur Seite gestellt“. Sie leiten die SPÖ bis Jänner als Dreier-Gremium, Vizekanzler soll nach seiner Genesung Finanzminister Marterbauer werden. Babler würde gerne „als Minister unter einem Vizekanzler Marterbauer tätig“ sein.
Soweit die Verlängerung des Kuddelmuddels. Alles, was auf eine klare Entscheidung drängte, hängt nun ein Vierteljahr unheilschwanger in der Luft.
Eine kafkaeske Situation
Wiens Bürgermeister Ludwig taufte das Fiasko in bewährter Behübschungsmanier um:
„Es wird einen Prozess geben, der den zeitlichen Horizont bestimmt“.

Damit gab er unabsichtlich das Stichwort zu einem Vergleich, der die Situation brillant charakterisiert. Franz Kafka (1883–1924) hinterließ 1925 posthum seinen berühmten Roman „Der Prozess.“ Er beschrieb darin eine Situation, in der ein Mensch einem undurchschaubaren, bürokratischen und scheinbar endlosen Verfahren ausgeliefert ist, ohne zu wissen, was eigentlich entschieden wird oder wie er entkommen kann. „Kafkaesk“ nennt man einen derartige Tumult. In einem solchen befindet sich die SPÖ:
Alles ist möglich, und nichts davon ist gewiss.
Geburt, Erfolg und Alterung
Die Entwicklung einer Bewegung folgt meist einem bestimmten Muster: Eine latente Krisensituation trifft mit neuen, revolutionären Ideen zusammen. Wenn sich Visionäre finden und Idealisten dazu gewinnen, für ihre Ziele zu kämpfen, beginnt die Idee Schwung zu entwickeln. Erreicht der Schub eine kritische Wucht, bahnt er unaufhaltsam den Weg zum Triumph.
Ist die Herrschaft einmal erobert, bildet die Bewegung Machtstrukturen und Funktionärskader aus. Ab diesem Zeitpunkt werden die Gründungs-Idealisten unmerklich von Nutznießern der neuen Ordnung abgelöst. Es entstehen konkurrierende Gruppierungen, welche die seinerzeitigen Ideen kopieren. Die meisten Ziele wurden bereits erreicht, neue übersehen und anderen überlassen. Die in die Jahre gekommenen Revolutionäre werden von Trittbrettfahrern unterwandert. Die Struktur stellt sich dar wie ein von tropischen Würgefeigen überwucherter Baum: längst abgestorben und nur mehr Hohlraum in der erstarkten Schlingpflanze.

Dann wiederholt sich der Prozess: Es tauchen neue Fahnenträger auf, die etablierte alte Garde lehnt sich auf: Ihre Pfründen sind bedroht. Wenn man dann nicht die Kraft aufbringt, eine klare Entscheidung zu treffen, die Anwärter auf die Führung gegeneinander antreten zu lassen und sich eindeutig für den einen oder anderen zu entscheiden, verlängert man die Agonie und verkürzt den Weg in die Bedeutungslosigkeit: Die Lage ist kafkaesk geworden.
Erfolgreiche Gegenbeispiele1
- Klaus setzt sich 1964 in Klagenfurt gegen Drimmel durch
- Kreisky besiegt 1967 in der Wiener Stadthalle den gemeinsamen
Kandidaten der Wiener SPÖ und des ÖGB, Hans Czettel - Haider behält 1985 in Innsbruck die Oberhand über den amtierenden Vizekanzler Steger.
Nach allen diesen 3 „Kampfabstimmungen“ begann jeweils eine eindrucksvolle
Erfolgsperiode dieser Parteien:
- Die ÖVP bildete die 1. Alleinregierung der 2. Republik.
- Kreisky begründet für die SPÖ eine Ära über 13 Jahre, in der er 5
Wahlen in Folge, teilsmit absoluter Mehrheit) gewinnt. - Haider führt die FPÖ in lichte Höhen.

Die von der SPÖ gröblich missachtete Erkenntnis daraus:
Kampfabstimmungen begründen Erfolgsperioden!
Unternehmen, Politiker und Regierungen scheitern in der Regel nicht an Fehlentscheidungen, sondern an der Unfähigkeit, klare Entscheidungen zu treffen.
Das geteilte Leid der europäischen Sozialisten
„Nur die Paranoiden überleben“
schrieb Andrew Grove, einst Chef von Intel Inc. Die SPÖ missachtete diese Warnung und übersah selbstgerecht die Zeichen am Horizont. Die Sorgen der „Menschen draußen“ konzentrierten sich auf neue Fragen, der Klassenkampf wurde anachronistisch aufgewärmt, andere Parteien traten glaubwürdiger als Hüter der Verteilungsgerechtigkeit auf. Umwelt- und Zuwanderungsfragen riefen Bewegungen hervor, die an beiden Rändern der Partei nagten. Staatsbetriebe, die ehemalige Macht – und Pfründe- Basis, verschwanden bankrott im Nirwana der Privatisierung. Übrig blieb ein zerstrittener, Funktionärsapparat ohne überzeugende Ziele und kraftvolle Führung; ein Komposthaufen, von dem niemand mehr wusste, was daraus einst gedeihen könnte.
Die SPÖ ist mit ihrem Leiden nicht allein: Quer durch Europa kämpfen sozialistische Parteien ums Überleben. Aber wie man aus der jüngeren Geschichte der ÖVP lernt, ist vieles möglich: Das Phänomen Kurz beispielsweise, und dessen Aufstieg aus der schwarzen Asche war kurioser Weise auch eine Hoffnung für die SPÖ. Nur eine Frage blieb: Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Bei dieser Prüfung fiel die SPÖ am 4. Oktober mit Bomben und Granaten durch. Das Datum wird in die Geschichte ihres Niederganges eingehen.

- Die Beispiele stammen von einem hohen ehemaligen SPÖ- Mandatar aus dem Kabinett Kreisky ↩︎
