Am 4. Oktober 2026 schworen sich die neun Landesparteichefs und weitere Granden der SPÖ im Wiener Luxushotel Steigenberger auf ein vorläufiges Führungstrio ein: Andreas „Andi“ Babler mit zwei „Aufpassern“, Eva-Maria Holzleitner und Philip Kucher. Als sein Nachfolger im Vizekanzleramt ist ab Anfang 2027 Finanzminister Markus Marterbauer vorgesehen, der derzeit erkrankt ist und auf dessen baldige Genesung man hofft.

Verdrehte Fakten

Babler, triumphierend:

„Wir haben heute die Grundvoraussetzung für eine neue Einigkeit in der SPÖ geschaffen.“

Er will überdies Minister bleiben und seinen Pfründensessel behalten.

Die Einschwörung freilich wird nicht lange halten. Sie steht auf wackeligen Beinen und ist die erzwungene Konsequenz einer beinharten Erpressung des Hauptbeteiligten, den man eigentlich möglichst schnell loswerden wollte. Wie mehrere Teilnehmer bestätigen, verweigerte Andreas Babler seinen Rückzug jedoch beharrlich und berief sich auf das Prozedere zur Obmann- Wahl: Die entscheidende Direktwahlreform von 2023 war politisch von ihm persönlich definiert und vorangetrieben worden: Zu einer Art Lex Babler.

„Ihr könnt mich nicht absetzen!“

…soll er laut anonymen Sitzungsteilnehmern im Zuge von Schreiduellen mehrmals gedonnert haben. Darüber hinaus verwies er auf seine angebliche „Beliebtheit in der Bevölkerung“. Dass die SPÖ unter seiner Führung in den Meinungsumfragen auf den tiefsten Wert seit Beginn der Aufzeichnungen abgesunken ist, schien ihm nicht erwähnenswert. Mittlerweile liegt die SPÖ mit einer Zustimmungsrate von 12% an vierter Stelle– hinter den Grünen.

Versteckter Groll als neuer Zündstoff

Aus diesem Verhalten und der großspurigen Art, in der Babler das für ihn eigentlich wenig schmeichelhafte Ergebnis der Zusammenkunft interpretierte, lässt sich der Eindruck gewinnen, dass bei ihm zum einen eine erhebliche kognitive Dissonanz besteht – ein Spannungsverhältnis zwischen seinem Selbstbild und der politischen Wirklichkeit – und zum anderen eine unverschämte Neigung zum Sesselkleben.

In den Gemütern der allermeisten Teilnehmer wird sich angesichts dieses Verhaltens großer Unmut aufgestaut haben. Einerseits wollte die Versammlung einen Schlussstrich unter die traurige Ära Babler ziehen, andererseits einen herzeigbaren Nachfolger inthronisieren. Den Konzernboss aus den USA akzeptierte man nicht – zu viele Pfründen standen auf dem Spiel- und außer dem gesundheitlich angegriffenen Finanzminister fand sich niemand, der sich auf den morschen Thron in der Löwelstrasse schwingen wollte. So endete die Veranstaltung in einem Fiasko, welches in der Bevölkerung zu Kopfschütteln, bei der Opposition zur Häme, bei den Parteigenossen zu heimlichem Ingrimm und Stoff zu weiteren Intrigen führte.

Paralyse in der Regierung

Betroffen aber ist insbesondere die Entschlussfähigkeit der Regierung, die auf Grund ihrer heterogenen Zusammensetzung an und für sich schon inneren Zerreißproben ausgesetzt ist. Diese Spannungen werden nun durch das Knirschen im Gebälk der SPÖ zusätzlich erhöht. Ein Großteil der Vorhaben der Regierung darunter die Neuordnung von Wehr- und Zivildienst, die Vereinheitlichung der Sozialhilfe, die Gesundheitsreform und die Einrichtung einer unabhängigen Bundesstaatsanwaltschaft – ist noch unerledigt und soll im „Herbst der Ergebnisse“ (O-Ton Stocker) zu Stuhle gebracht werden. Angesichts der zunehmenden Unfähigkeit des Regierungstrios, über die jeweiligen ideologischen Schatten zu springen, ist das Hinzutreten einer weiteren Entscheidungsbarriere in der SPÖ nicht gerade ein beschleunigender Faktor.


Auch in der ÖVP wird der Ruf nach einem Wechsel laut werden, und wie bei der SPÖ drängt sich kein logischer Nachfolger auf. Mit der Ruhe ist es bereits drei Jahre vor dem regulären Ende der Legislaturperiode vorbei. „Das Überleben der Koalitionsregierung kann nur deshalb eine trügerische Hoffnung bedeuten, weil die SPÖ in ihrem gegenwärtigen Zustand nur als ein stummer Gast ohne tatkräftige Führung wirken kann.“ Dies stellte Paul Lendvai im STANDARD am 6. Oktober 2026 unter dem vernichtenden Titel „Selbstmord einer Partei“ warnend fest. (Paul Lendvai, geb. 24. August 1929 in Budapest; proeuropäisch und sozialdemokratisch geprägter Journalist, Publizist und Buchautor, Kenner Ost- und Südosteuropas.)

Stocker in der Doppelmühle

65 Prozent der befragten Bürger trauen der der Regierung die Umsetzung wichtiger Reformen bis 2029 nicht mehr zu („Unique Research“, Befragungszeitraum 28. September bis 1. Oktober). Die Doppelmühle der Regierung ist erbarmungswürdig: Je länger sie vor Neuwahlen zurückschreckt, desto größer wird der Vorsprung der FPÖ. Auch mit noch so mutigen- freilich ohnehin unwahrscheinlichen-. Entscheidungen wird man das murrende Volk nicht mehr gewinnen können; dazu ist die Enttäuschung schon zu mächtig angewachsen. Hat die Regierung nicht einen völlig unerwarteten Geniestreich, der das Blatt in letzter Minute noch wenden könnte, in petto, wäre sie gut beraten, das Volk, auf Teufel komm raus, so schnell wie möglich zu den Urnen zurufen. Mit jedem Monat werden ihre Chancen schlechter.

PS.: Der „blaue Teufel“ wartet ohnehin schon.