Der Militäranalyst Franz-Stefan Gady hat durchgespielt, was ein Krieg zwischen der NATO und Russland für Österreich bedeuten würde. Österreich, obgleich neutral, könnte sich aus einem Konflikt zwischen Russland und der NATO nicht heraushalten. Cyberangriffe, Drohnen und Marschflugkörper sowie eingeschleuste Saboteure genügen, um das Land als Drehscheibe für Militärtransporte zu nutzen. Österreich drohe das „Schlechteste aus beiden Welten“: Weniger Schutz als die benachbarten NATO-Staaten und gleiche Bedrohung. Das alles klingt plausibel- es fehlt allerdings das Wichtigste: eine plausible Begründung. Will und kann Russland NATO-Staaten angreifen und überrennen? Warum sollte es dies tun und den 3. Weltkrieg heraufbeschwören?

Man könnte genauso gut über Monate hinweg die schrecklichen Folgen des Einschlags eines großen Meteoriten diskutieren. Für beides gibt es keine stichhaltigen Gründe- bestenfalls die beruflich bedingten Visionen von Strategieexperten in NATO-Oberkommandos und bezahlten Experten.

Der Hintergrund

  • Franz-Stefan Gady
  • Geb. 1982 in Österreich
  • Johns Hopkins University School of Advanced international Studies. (Dieses Institut wurde 1943 von Paul Nitze und Christian Herter gegründet, die nach neuen Methoden suchten, um Menschen auf die internationalen Aufgaben vorzubereiten, die den Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg bevorstünden).
  • Associate Fellow beim international Institute for Strategic Studies (Das IISS gilt als transatlantisch und westlich geprägt. Viele Experten kommen aus NATO-, Regierungs- oder Militärumfeldern. Kritiker werfen ihm vor, sehr nahe an sicherheitspolitischen Eliten und Rüstungsfragen zu sein.)
  • Kommentator für Medien wie die New York Times, Foreign Policy, Financial Times und österreichische Zeitungen.

Der persönliche Werdegang, die Ausbildung und Mitgliedschaften weisen daraufhin, dass Herr Gady eine starke Affinität zu den Interessen der USA, der NATO und rüstungsorientierter Institutionen aufweist. Das ist sein gutes Recht, sollte aber bei der unreflektierten Wiedergabe seiner Ansichten nicht unerwähnt bleiben: Auch durch Weglassen von Hintergründen kann man einen wirksamen Beitrag zur Verfälschung der Fakten leisten.

Der gesteuerte Stimmungsumschwung

Seit der 90-Milliarden-Schenkung der EU an die Ukraine überschlagen sich die Meldungen über deren Erfolge. Bis zu diesem Zeitpunkt überwogen die Klagen über ihre prekäre Lage. Ein aktueller Bericht an den US- Kongress besagt hingegen, dass die Ukraine zwar taktische Erfolge erzielt und Russland verwundbar erscheint, dies aber nicht zwangsläufig bedeutet, dass sich das Kriegsglück zugunsten Kiews entwickelt. Entscheidend seien Finanzierung und Durchhaltefähigkeit.

Das Schüren von Rachegedanken

Mittlerweile besteht zwischen der EU und der Ukraine eine der Entente im Ersten Weltkrieg vergleichbare Partnerschaft. Der Stil Präsident Selenskyjs als Einpeitscher dieser unheiligen Allianz zeugt von abgrundtiefem Hass, Selbstüberschätzung und Anmaßung. Er spricht nicht von „Präsident Putin“, sondern von „dem Kreml“, „dem Aggressor“ oder „diesem Mann“. Diese ganz unstaatsmännische Arroganz gipfelte in einem höhnischen Erlass, wonach die Siegesparade am 9. Mai in Moskau von ihm „genehmigt“ und man den Roten Platz gnädig mit ukrainischen Angriffen verschonen werde. Von der russischen Öffentlichkeit wurde das als kränkender Affront und präpotente Hybris aufgenommen und zwang die Politik förmlich zu brutalen Reaktionen, über die Kiew dann bittere Klage führte.

(Eine „unheilige Allianz“ ist ein politisches oder gesellschaftliches Zweckbündnis zwischen Gruppen, die weltanschaulich oder inhaltlich eigentlich unvereinbar sind. Solche Allianzen werden geschlossen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen oder den Status quo zu bekämpfen.)

Asymmetrische Berichterstattung

In der Nacht auf den 22. Mai wurde ein Schulwohnheim in Starobilsk in der Ostukraine von ukrainischen Drohnen gezielt angegriffen. Zum Zeitpunkt des Angriffs schliefen dort 86 Jugendliche. Die Russen schworen Rache und griffen in der Nacht vom 23. auf 24. Mai zahlreiche ukrainische Städte mit einem beispiellosen Aufgebot von Überschallraketen und Drohnen an. Nach ukrainischen Angaben wurden mindestens zwei Menschen getötet und etwa 44 Personen verletzt. Im von der Ukraine angegriffenen Starobilsk hingegen wurden bislang zehn Todesopfer gemeldet, 48 wurden verletzt, 11 weitere werden noch vermisst. Umgekehrt proportional zur Zahl der bedauernswerten Opfern berichteten die Medien über die wechselseitigen Bluttaten.

  • Wolodymyr Selenskyj: „Russischer Terror…die kulturelle Identität und der Wille der Ukrainer sollen zerstört werden…“.
  • EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas: „Bewusste Terrorisierung der Zivilbevölkerung…neue Eskalationsstufe durch die nuklearfähige Oreschnik-Rakete.“
  • The Guardian: „….Deranged attack“… wahnhafter/entgrenzter Angriff..“

In keinem Fall wurde der offensichtliche Zusammenhang mit den geschilderten Provokationen der Ukraine erwähnt. Die warnenden Stimmen von Kapazitäten wie Mearsheimer oder Sachs aus den USA werden beredt verschwiegen.

Der andere Blick

John Joseph Mearsheimer 

14. Dezember 1947 in BrooklynNew York City), US-amerikanischer Politikwissenschaftler an der University of Chicago.

Die Hauptursache des Krieges liegt in der NATO-Osterweiterung, der Annäherung der Ukraine an den Westen und der Aussicht auf NATO-/EU-Integration. „Großmächte akzeptieren keine feindlichen Bündnisse an ihren Grenzen“ (Zum Vergleich: Extreme US-Reaktionen in der Kuba-Krise).

Jeffrey David Sachs

geboren am 5. November 1954 in Detroit[1]) ist ein US-amerikanischer Ökonom und Professor an der Columbia-Universität

Der Krieg ist das Ergebnis einer gescheiterten Sicherheitsordnung in Europa und US-Außenpolitik Es drohen Eskalation und ein Stellvertreterkrieg zwischen Russland und dem Westen. Waffenstillstand, Verhandlungen und Sicherheitsgarantien für beide Seiten sind dringend erforderlich

Was bleibt?

All dies verstärkt im Beobachter das Gefühl, er werde manipuliert, einseitig oder falsch informiert und von Mächten missbraucht, deren Motive im Verborgenen bleiben. Immer mehr Menschen unterliegen diesem Phänomen. Es zerfrisst den sozialen Zusammenhalt und stellt eine verderbliche Gefahr für die Demokratie dar.