Zwei Kindheiten
Xi Jinping

Mao Zedong „Überragender Führer“ und „Großer Steuermann“, verbannte im Zuge der großen Kulturrevolution (1968) alle Jugendlichen Chinas aus den Städten aufs Land, damit sie dort „von den armen Bauern umerzogen werden“, so die Idee. Auch der fünfzehnjährige Xi Jinping musste die Schule abbrechen.
»Keine Arbeit scheute er, und er musste viel Leid erdulden«, notieren die chinesischen Biografen. „Anfangs zerstachen ihn gar die Flöhe im Lager so sehr, dass er kaum schlafen konnte.“
Das waren die Jahre, welche den mächtigsten Mann der Welt, Herr über 1,44 Milliarden Chinesen, heute 73 Jahre alt, wohl am stärksten geprägt haben.
Donald Trump

Ganz anders verlief die Jugend seines Gegenspielers in Washington. Der heute 80-jährige Donald Trump wuchs in New York City in einer wohlhabenden Familie auf. Er galt schon als Kind als energisch und schwierig im Verhalten. Mit 13 Jahren schickten ihn seine Eltern auf die New York Military Academy.
Zwei persönliche Eindrücke
Vor 32 Jahren ….

Millionen Fahrräder, Rikschas, kein einziges Auto, unzählige Chinesen in grauer oder blauer Arbeitskleidung: Das war mein Eindruck, als ich 1984 das erste Mal vor dem Tor des himmlischen Friedens auf dem Tiananmen-Platz in Peking stand. Fünf Jahre später wurde dort ein Massaker verübt: Am 3. und 4. Juni 1989 schlug das chinesische Militär gewaltsam die Proteste der Studenten nieder, fast 1600 Menschen kamen ums Leben.

…und 35 Jahre später

September 2019. Auf achtspurigen Autobahnen drängeln einander Autos aller Weltmarken. Zahllose Elektroroller wieseln ohne Beachtung von Verkehrsregeln auf Gehsteigen und Radwegen. Flankiert sind die Highways von gigantischen, fünfundzwanzigstöckigen Wohntürmen. In einem einzigen Block dieser Goliaths wohnen mehr Menschen als in meiner Heimatstadt. 600 km U-Bahnen mildern das Verkehrschaos auf den Straßen, in alle Himmelsrichtungen führen Trassen von Hochgeschwindigkeitszügen, welche die 22 – Millionen – Stadt mit bis zu 340 km/h mit dem Riesenreich– von Nord nach Süd 5500 km, von Ost nach West 5200 km– verbinden.

„Mao hat uns befreit, Deng machte uns reich, und Xi wird uns mächtig machen. Wir fürchten niemanden“.
Also sprach Herr Liu, unser Führer durch das Shaolin– Kloster am Fuße des heiligen Berges Song Shan. Tausende Teenager werden dort in Kung–Fu–Schulen paramilitärisch zu harten Kämpfernaturen gedrillt.
Ein Volk. Eine Partei. Ein Ziel.


Der Drill und die Gleichschaltung schon ganz junger Menschen wirken beklemmend: Das System verlangt unbedingte Unterordnung vom Einzelnen und festigt damit seine Stärke und Macht nach außen. Dies ist eines der wesentlichen Unterscheidungsmerkmale zu den Zuständen im 360-Millionenvolk der USA (25% der Einwohner Chinas): Dort zählen Individualismus und eine immer mehr pervertierende Demokratie.
Das Treffen
Flankiert von 17 amerikanischen Konzernchefs begleiteten Trump und wurden dort pompös empfangen. Die Ziele Washingtons und Chinas im Einzelnen:

Trump
China möge sich für ein Ende des Irankriegs einsetzen und leichteren Zugang zu Seltenen Erden gestatten. Käufe von US-Agrarprodukten, Flugzeugen sowie Investitionen in den USA sind erwünscht: CEOs von Apple, BlackRock, Boeing, Citybank, Tesla und andere sind deswegen Teil der Trump-Delegation.
Xi Jinping
China will nach den Zollkriegen von den USA Stabilität und Verlässlichkeit. Beschränkungen für KI-Technologien sollen sinken. Das Dauerthema Taiwan steht ganz oben auf der Agenda.

Das Problem Taiwan
Der heikelste Punkt in den Beziehungen ist der immer intensiver erhobene Anspruch Pekings auf die Insel Taiwan. Im Gegenzug liefern die USA dorthin große Mengen Waffen und bringen sich damit in eine Gegenposition zu Peking.
Image ist die Hauptsache

Nicht langfristige Interessen, sondern kurzfristige Imagefragen stehen im Mittelpunkt des Bestrebens westlicher Staatenlenker. Wichtig ist das Bild, das gezeichnet wird, und weniger ein konkretes Ergebnis. Im November finden Zwischenwahlen in den USA statt. Die Zeichen stehen auf Sturm: Wenn die Republikaner verlieren, wird Trump mit allen seinen imperatorischen Plänen als lahme Ente dastehen, die vollmundig quakt, aber nichts umzusetzen vermag. Diese Sorge haben die langfristig denkenden Chinesen nicht: Man bestimmt in Peking, was die Massen zu lesen, zu sehen und zu hören bekommen.
Eine geschichtliche Zäsur

Trump fuhr in einer schwachen Position nach China. Der Iran verwehrt ihm den Frieden. China ignoriert seine Sanktionen, seine Umfragewerte sind schlecht. Die chinesische Investmentbank Citic Securities meint gar:
„Der Irankrieg ist für die USA vergleichbar mit der Bedeutung des Suez-Moments 1956 für Großbritannien“
-also dem Niedergang des britischen Weltreichs. Der Harvard-Professor Graham Allison hat den Begriff „Thukydides-Falle“ geprägt .Er übertrug die einstige Rivalität zwischen Athen und Sparta auf den Kampf um den Vorrang zwischen Washington und Peking: Die Gefahr, dass ein aufstrebender Staat und eine bestehende Führungsmacht in eine gefährliche Rivalität geraten.
Uralt fordert Jung heraus.

China gehört zu den ältesten Hochkulturen der Menschheit. Aufzeichnungen über die chinesische Kultur reichen über 3000 Jahre zurück. Dagegen nimmt sich der bisherige „Lebenslauf“ der USA bescheiden aus: Die Geschichte der Vereinigten Staaten begann mit der Gründung der britischen Kolonien im 17. Jahrhundert. Im Vergleich zu China ist das ein grelles Aufflackern in wenigen Jahrhunderten.
Ob sich die USA aus ihrer derzeitigen Abstiegsphase ebenso befreien werden, wie es die Chinesen viele Male schafften? Sie häuteten sich immer wieder und stiegen binnen weniger Jahrzehnte aus tiefster Demütigung und Chaos zu neuer eindrucksvoller Größe empor.
Was vom Gipfel bleibt

Beide Seiten betonten die Bereitschaft, Strafzölle zu lockern und den Handel auszubauen. Der Gipfel brachte den Beginn einer vorsichtigen Entspannung, aber keine echte Lösung der US-chinesischen Rivalität. Er wurde überschattet durch verdeckte Drohungen: Xi Jinping warnte die USA davor, Taiwan stärker zu unterstützen. Er erklärte, eine falsche Behandlung dieser Frage könne zu „Konflikten führen“. Währenddessen hat Europa das Nachsehen: US- Firmen stürmen den chinesischen Markt erneut, während die EU im moralisierenden Schmollwinkel dem wirtschaftlichen Hungertod entgegengeht. Der Kontinent, der sich selbstverliebt als moralisches, energie- und sozialpolitisches Vorbild für andere sieht, fällt in Wahrheit immer weiter zurück.
