Zwei ungleiche Unternehmenschefs
Der CEO von Apple, Tim Cook, wurde weltberühmt durch die phänomenale Leistung, innerhalb von fünfzehn Jahren den Wert des Unternehmens auf 4000 Milliarden Dollar verzehnfacht zu haben. Details seines Privatlebens blieben trotz Homosexualität und des stets gewaltigen Medieninteresses im Verborgenen.

Der Generaldirektor des ORF hingegen rückte durch eine unappetitliche Affäre ins Zentrum der Berichterstattung. Im Gegensatz zur Geldmaschine Apple muss der ORF vom Bürger zwangsernährt werden und liefert viel Entbehrliches. In letzter Zeit eröffnen sich dort ungeahnte Abgründe. Der Boulevard wirft die an einem stets weiter ausufernden Skandal Beteiligten dem staunenden Volk zum Fraß vor. Seriösere Medien zeigten sich über das genüssliche öffentliche Breittreten privatester Details samt der Kommentierung der Abbildungen von männlichen Geschlechtsteilen entsetzt. Dem schon stark angekratzten Ruf des österreichischen Journalismus wurde damit ein schwer wieder gutzumachender Bärendienst erwiesen.
Schlangengrube Küniglberg

Ein Generaldirektor, Herr über ca. 4000 Mitarbeiter und zahllose Zulieferanten, der durch Mitglieder des zur Aufsicht bestimmten Stiftungsrates öffentlich vorgeführt wird, ein Aufsichtsorgan, welches sich durch Druck auf den CEO eine unverschämt hohe Pension sichern will- das ergrimmt den zwangsverpflichteten Beitragszahler. Funktionäre bessern ihre Einkünfte durch ORF-nahe Nebengeschäfte auf, in einem ekelerregenden Sumpf von Intrigen, Vernaderungen und öffentlichen Showdowns bestens verdienender Anwälten. Die Fragen „Wer hat hier das Sagen? Wer hat mehr Dreck am Stecken?“ scheinen wichtiger zu sein als das Thema: „Worin besteht der öffentliche Auftrag?“

Ruinierte Glaubwürdigkeit
Viele Leistungen des Staatsfunks sind für den Bürger nützlich und erbaulich. Dies gilt freilich nicht für alle Inhalte, die mit der Vermittlung von Nachrichten und politischen Themen zu tun haben. Diese sind stets offen oder versteckt manipulativ-parteipolitisch imprägniert und der diktatorischen Nomenklatura in Brüssel katzenfreundlich ergeben. Jene vorsichtigen Bürger, welche Zeit, Geld und Interesse zur Lektüre internationaler Medien aufbringen, werden das bestätigen. Auch die ORF-Redakteursversammlung klagte angesichts der Schmutzwäsche, die derzeit im Umfeld der Führung des ORF ausgeschwemmt wird, über parteipolitisches Unwesen, Freunderlwirtschaft, Unterschleif und eine himmelschreiend schäbige Unternehmenskultur. Den Vorsitzenden Lederer schließt man dabei nicht aus.
Führungslose Mitarbeiter
Wenn dies alles möglich ist- Vieles bleibt naturgemäß noch im Verborgenen- wer kontrolliert die Auswahl, Zusammenstellung und Interpretation von Nachrichten? Wer wählt die politischen Kommentatoren aus? Wer überprüft private Beziehungen zu Politikern zu Parteigranden? Subalterne ORF-Mitarbeiter stehen unter der Fuchtel einer Kamarilla, deren übles Treiben langsam, aber unerbittlich an die Öffentlichkeit dringt. Was kann man der Berichterstattung einer Firma, deren Spitze verrottet ist wie ein fauliger Apfel, eigentlich noch glauben? Eine strenge Untersuchung ist fällig- dringender als bei allen bisheriger Anlässen.

Über Wochen hinweg berichtete der ORF von einem Untersuchungsausschuss betreffend das Ableben eines einst mächtigen Funktionärs im Finanzministerium. Trotz krampfhafter und kostenintensiver Suche nach Fakten, die über die längst abgeschlossene polizeiliche und gerichtliche Aufarbeitung des tragischen Falles hinausgehen könnten, wurde man nicht fündig. Außer hohen Spesen für die dienstfertigen Untersucher blieb von der betulichen Mission nichts übrig.
Die aktuellen Erkenntnisse rund um das morsche, unappetitliche und offensichtlich am Rande der Korruption entlang schrammende Führungsgremium des österreichischen Rundfunks schreien hingegen nach einer entsprechenden Untersuchung. Die Politik verhält sich dazu erstaunlich verklemmt: Man peitscht nun die Wahl eines neuen Generals eiligst durch. Warum? Der polit-paritätisch besetzte Stiftungsrat könnte den Sommer nicht mehr erleben, ohne bis dahin vom Volkszorn hinweggefegt worden zu sein. Was dann? Elf Personen bewerben sich bis dato um den Chefposten.
Was aufzuklären wäre
- Wer kontrolliert die Seriosität und Neutralität der Berichterstattung? Ganz offensichtlich hatte der Generaldirektor dafür wenig Zeit und die politischen Büttel kein Interesse.
- Wie eng sind die Mitglieder des Stiftungsrates in kommerzielle Entscheidungen des ORF eingebunden? Welche Möglichkeiten unerlaubter Bereicherung könnten sich angesichts sehr großer Transaktionen in der Vergangenheit ergeben haben (z.B. Verkauf des Funkhauses etc.?) Die bisher aufgetauchten unglaublichen Praktiken lassen das als durchaus möglich erscheinen.
- Eine völlige Entpolitisierung des Staatsfunks ist unmöglich. Welchen Weg- insbesondere auf der personellen Ebene- könnte man beschreiten, um sich diesem Ziel zumindest anzunähern? Wo gibt es überzeugende internationale Beispiele?
Rückstellungen und Galgenhumor

Bis man sich dazu durchringt, wird sich noch viel Schmutzwasser im Teich am Küniglberg ansammeln. Für die absehbaren Kosten von Prozessen, Abfertigungen und Schadenersatzklagen werden bereits Rückstellungen gebildet. Humorvolle Kommentaren schlagen vor, das ORF-Testbild als Mittel zum Sparen heranzuziehen: Es könnte teure Berater und Kommentatoren am Bildschirm ersetzen. Unparteiisch wäre es jedenfalls.

2 Kommentare
ORF im freien Fall? Nein, ganze Welt im freien Fall! Allfällige Bemühungen, Moral, Anstand und Vernunft auf den Boden gesellschaftlicher Verbindlichkeiten zurückzuholen, scheinen in unserem Jahrhundert an der Autorität etablierter autokratischer oder selbsternannter demokratischer Institutionen zu scheitern. Da ist eigentlich nichts neu daran, es ist bloß greifbarer als früher, dass das Volk und seine Regenten nichts, aber auch gar nichts verbindet. Und neu ist auch, dass die Betrogenen dies besser erkannt haben (was ihnen wenig nützt!) Die Medienwelt und der Journalismus nehmen durch Weißmann und Co. keinen Schaden, gar nichts muss aufgeklärt werden, Herr Woltron, weil sich dadurch erfahrungsgemäß nichts ändern würde und außerdem den Meinungsmachern ohnedies niemand mehr etwas glaubt, was offenbar wiederum die in eigenem Interesse intervenierenden Politiker und ihre Auftraggeber noch nicht wahrhaben wollen oder können. Korruption, Amtsmissbrauch, Intervention und Rechtsbeugung sind uns in Jahrzehnten so vertraut geworden, dass sie uns nicht mehr bewegen, sondern allenfalls veranlassen, den Ärger darüber irgendwie zu neutralisieren, im Falle der Notwendigkeit und Möglichkeit sich auch selbst dieser Strukturen zu bedienen. Und wenn der Staat das Recht hat, unser hart erarbeitetes Vermögen in alle erdenklichen Richtungen zu verschleudern, so darf es nicht wundern, dass egoistisches, verantwortungsloses Handeln beim Volk ganz unten angekommen ist. Schließlich beginnt der Fisch am Kopf zu stinken.
Ja, es ist wahrlich ein frommer Wunsch, dass es einen politisch unabhängigen ORF geben könnte.
Kein Journalist ist „unabhängig“. Es gibt immer einen Chef – also Chefredakteur, Herausgeber, Eigentümer. Und der bestimmt die Linie. Daher sucht sich auch jeder Journalist jene Zeitung, die zu ihm passt, oder er passt sich an – ganz pragmatisch.
Beim ORF sind Österreichs Bürger die Chefs und Eigentümer, repräsentiert durch die im Parlament vertretenen Parteien. Und genauso vielfältig und ausgewogen sollte auch die Berichterstattung sein.
Die Anmaßung der ORF-Redakteure, der ORF gehöre ihnen und sie könnten eigenständig ihre eigene Meinung „berichten“, ist zurückzuweisen. Soviel Demokratie muss sein!